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ZDF Reporter in Berlin

Nach der Akte 2000/32 letzte Woche gibts einen weiteren Fund aus den Archiven der deutschen Medien. „ZDF Reporter – Sprayer und Scratcher in Berlin“, ausgestrahlt wurde der knapp 10minütige Beitrag im Jahr 2002. Gedreht wurde aber wohl eher. Mit Locke, Zivilfahnder vom Bundesgrenzschutz. Um was es geht und wer in der Reportage dabei ist, kann man unten nachlesen bzw anschauen.

khc

Sprayer und Scratcher – Kunst oder Sachbeschädigung?
ZDF Reporter

Es ist jeden Tag das gleiche Ritual für Normen Z. Einkleiden zu Dienstbeginn. Anlegen einer Uniform, die nicht gerade typisch ist für einen Bundesgrenzschützer. Z., wird von seinen Kollegen nur Locke genannt. Sein Beruf Zivilfahnder. Einer von einem Dutzend der Berliner Spezialeinheit gegen Graffiti. Seit fünfeinhalb Jahren ist er Sprayern auf der Spur – kennt die Szene der Hauptstadt wie sonst kein anderer. Routinemäßig suchen die Beamten die Gleise ab – hier wo nachts die S-Bahn-Züge. Ein beliebtes Ziel für Sprayer. „Locke“ hat hier schon einige von ihnen gefasst. Er hat einen „Riecher“ dafür, sagen seine Kollegen.

Berlin-Rummelsburg – ICE-Bahnhof. Hier stehen, nahezu unbewacht, die Hochgeschwindigzeitzüge.
Hunderte von Metern silberweisse Fläche an nagelneuen ICE-Waggons.

Frage: Der Zug ist noch sauber jetzt hier.
Locke: Der Zug ist hier, auf der Seite wo er abgestellt war, sauber.
Frage: Aber es ist doch ein beliebtes Ziel, zum sprayen?
Locke: Ja, weil man durch so Sachen den meisten Ruhm in der Szene erlangt. Also, je verrückter die Aktion ist, je gefährlicher, um so mehr Ruhm erreichen sie.

Zwischen den Bahngleisen – der Deckel einer Spraydose.
Erst letzte Nacht waren die Sprayer hier.

Locke:
Wieder ein kleiner Fundus aufgrund Sprüheraktivitäten hier. Ein ganzer Sprühaufsatz, zwar unbenutzt, aber von daher ist es ein eindeutiges Indiz, dass hier Sprüher unterwegs waren. In dem Bereich hier.

Drei Teams pro Nacht für hundert Stellplätze in ganz Berlin. Kein Wunder, dass „Locke“ und Kollegen den Sprayern oft einen Schritt hinterher sind.

Eine andere Nacht. Berlin-Kreuzberg – Görlitzer Bahnhof gegen 3 Uhr Morgens. Wir haben einen Tip aus der Szene bekommen. Über einen Kontaktmann. Treffen zwei Sprayer, die seit Jahren nachts unterwegs sind.

Sprayer1: Ja, das wird ´ne Buchstabenkombination. Das ergibt sich dann am Schluss.
Frage: Was bedeuten die Buchstaben?
Sprayer2: Das sind Kürzel für Gruppen oder Namen.
Frage: Und das ist die Skizze hier in der Hand?
Sprayer2: Genau.
Frage: Muss man da besondere Sachen beachten? Vorsichtig sein, oder?
Sprayer2: Na ja. Man muss halt gucken, dass man nicht erwischt wird.
Frage: Bleibt da viel Zeit?

Einer steht Schmiere, passt auf das niemand kommt.Der andere setzt die Umrandung des zwei mal zehn Meter grossen Graffitis.

Frage: Was ist der Reiz?
Sprayer1: Es ist nicht unbedingt ein Reiz, oder so. So, weiß nicht, einfach die Lust Buchstaben zu sprühen, seinen Namen zu sprühen. Und den… Viel zu sprühen, so das ihn viele sehen. Das er oft gesehen wird.
Frage: Wie lange machst du das und wie häufig?

Wir müssen das Licht ausmachen, die Sprayer fürchten entdeckt zu werden.

Frage: Was ist los jetzt hier?
Sprayer1: Äh, ach, einfach ein Lagecheck. So, wie sieht’s aus, was muss noch gemacht werden?
Frage: Es sind gerade zwei Spaziergänger hier gesehen worden, im Park.
Sprayer1: Wenn er es meint, dann werden die da wohl gewesen sein, ja.
Frage: Was heißt das?
Sprayer1: Mmh, aufpassen, ob sie sich nähern.
Sprayer1: Also früher war es ziemlich so „wao, wao, krass, was Großes geschafft“. Jetzt ist es so, irgendwie „gut, das es fertig ist“. Man freut sich auf den Tag danach, um es im Tageslicht zu sehen, so.

Sprayer1: Ähm ja, also jetzt macht er gerad´ die „second outline“ nennen wir das. Umrandung. Also die Umrandung der Umrandung sozusagen. Einfach so ´ne zweite Umrandung, die erhebt, äh, die hebt noch mal das komplette Bild heraus. Also, der Wirkungseffekt sozusagen wird noch verstärkt.

Einer Stunde brauchen sie, dann ist alles fertig. Zu guter Letzt wird die Unterschrift gesetzt. Für die Sprayer ist das Kunstwerk vollendet. Für die Polizei, wenn sie dies am nächsten Tag sieht, erfüllt es den Tatbestand der Sachbeschädigung. Anschließend werden die Dosen noch entsorgt. Fein säuberlich aus dem Umweltbeutel. Heute Nacht waren es Spraydosen für 70 Mark.

Sprayer 2: „Das ist schon ein teures Hobby, kann man sagen. Doch, für uns ist das nicht nur eine Hobby. Wir machen das seit zehn und 13 Jahren. Das ist nicht nur ein Hobby, das ist mehr. Das ist Lifestile.

Zum Lifestile gehört aber auch, sein „Piece“ nicht nur im Dunklen zu betrachten. Jeder Sprayer kommt „irgendwann“ an den Ort seiner Tat zurück. Ein Foto fürs Album – zur Erinnerung an eine Nacht mit wenig Schlaf und viel Adrenalin. Und zum Eindruck schinden bei den anderen.

Moritz kennt das Gefühl. Jahrelang war er selbst nachts unterwegs.
Wir treffen uns im Mauerpark.

Moritz: „Das sind alles, alles Farbschichten. So ein dicker Stapel nur Farbe, Graffitifarbe. Wahrscheinlich sind das so an die tausend Schichten übereinander, die hier so überall herausbrechen. Hier kann man sehen, wie dick das ist.“

Moritz :
Wenn Leute, egal aus welchen Erdteilen – Sprüher – nach Berlin kommen, kommen sie auf jeden Fall auch mal hier hin.
Frage: Und da geht es darum seinen eigenen Namen, möglichst kunstvoll, auf die Wand zu bringen?
Moritz: Genau. Und dann ein Gesamtkunstwerk zu schaffen – ein Bild, was ´ne gewisse Ästhetik hat.
Frage: Es gibt aber auch Bilder wie dieses hier.
Moritz:Ja, das gehört auch dazu. Es hat auch eine lange Tradition, auch schon damals in New York. Als es angefangen hat, haben die Leute „Charakters“ neben ihre Bilder gemalt, meistens in der Mitte den Schriftzug und links und rechts, oder auch nur auf der einen Seite, ein Bild.
Frage: Hier ist es auch so, oder?“

6000 Bilder aus 30 Ländern. Moritz betreibt die weltgrösste Internetseite für Graffiti.

Moritz: Klick´ ich mal auf „Wachs“ und jetzt erscheinen hier Züge von „Wachs“, die der gemalt hat, in Berlin.
Frage: Wer ist „Wachs“?
Moritz: „Wachs“ ist ein Sprüher. Und, wenn ich den Zug mir genauer angucken will, dann klicke ich den hier auf „größer“ und dann kriege ich die S-Bahn größer drauf.

Von solchen Bildern lebt er gut. Verkauft Videos – eine Art BEST OF der europäischen Sprayer-Szene. Zu sehen ist auch das Zerstören von S-Bahn-Scheiben, Scratching genannt.

Frage: Genau, diese Szene. Was ist denn das?
Moritz: Ja, also „Rolling Stars“ beginnt mit einer Scratchszene. Und es ist auch ein neueres Phänomen, das heißt, dass die Leute mit Schleifstein oder anderen Gegenständen ihren Namen in die Scheiben ritzen. Und, dass hat sich daraus entwickelt, dass halt in der S-Bahn so gut geputzt wurde. Die Eddingstifte halt sofort weggewischt werden. Und, das ist jetzt zur Zeit die einzige Möglichkeit seinen Namen noch in der S-Bahn zu verbreiten. Und.
Frage: Aber das ist doch eigentlich Sachbeschädigung?
Moritz: Sicher ist das Sachbeschädigung – ja.
Frage: Hat das noch was zu tun mit dem ursprünglichen Idee, mit dem ursprünglichen Ideal von Graffiti, schöne Bilder zu machen?
Moritz: Das ist ja nur die eine Seite des Ideal. Die eigentliche Ideal von Graffiti ist fame zu werden, bekannt zu werden. Das heißt seinen eigenen Namen in der Stadt zu verbreiten. Und das ist die Urform des Graffiti gradezu.

Scratching – Normen Z. alias „Locke“ hat täglich damit zu tun. Mehr als 3000 Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Über die Hälfte der Taten klären sie auf.

Locke: Zum Beispiel bin ich in eine gescratschte Bushaltestelle. Wie gesagt, den Täter konnten wir dazu namhaft machen. Wurde bei einer anderen Sache auf frischer Tat festgenommen.

„Locke“ zeigt uns ein beschlagnahmtes Skizzenbuch. Aufwendig hergestellt Vorlagen zum Besprayen von S-Bahn Zügen.

Frage: Wie sieht die Szene zur Zeit aus? Hat sie sich verändert. Ist sie gewalttätiger geworden?
Herr Moritz: Ja früher galt der Grundsatz innerhalb der Szene, bei Entdecken, beim Sprühen wurde der Tatort verlassen und weggerannt. Heute teilt sich die Gruppe auf. Jeder hat seine festen Aufgaben. Die einen sprühen, die anderen passen auf und in dem Moment wo sie entdeckt werden kommt es beispielsweise zum Bewurf durch Gleisbettsteine, Mitführen von Gaswaffen die dann auch Anwendung finden. So äußert sich die Gewalt.“

Ohne Pistole rücken die Berliner Graffiti-Polizisten längst nicht mehr aus.

Ein neuer Einsatz. Am späten Nachmittag Alarm. Im Berliner Süden haben BGS und Wachschützer drei Graffiti-Sprayer festgenommen. Die Jungs sind zwischen 14 und 17 wie immer. Mädchen gibt es in der Szene kaum. An einer Brücke wollten Sie ihre Spuren im Berliner Stadtbild hinterlassen. Pech gehabt – als sie die Gleise überqueren sah sie ein S-Bahn Fahrer. Der Rest ist Polizeialltag. Durchsuchung zur Gefahrenabwehr – nach Waffen und Drogen.

Die Spraydosen werden beschlagnahmt. Und – von der S-Bahn wird es in ein paar Tagen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch geben. Mehr nicht. Nach zwei Stunden können die Jugendlichen gehen.

Frage: Viel Aufwand?
Herr Moritz: Viel Aufwand mit einer gewissen Wirkung.
Frage: Wirkung?
Herr Moritz: Ich denke für diese Nacht war es das bei den dreien.
Frage: Und sonst?
Herr Moritz: Das werden wir sehen. Ob wir sie in Zukunft noch mal antreffen.

Das ist so gut wie sicher.
Die drei waren ohnehin alte Bekannte.
Das Katz und Maus Spiel geht weiter.


Posted: 2. Dezember 2009