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Dare to be Different

Wir nehmen Abschied von Sigi von Koeding aka Dare…

Ich habe überlegt ob ich diesen, meinen ersten selbst verfassten Nachruf schreiben sollte denn eigentlich müsste es mir nur bedingt nahe gehen. So ist es aber nicht. Seit Samstag abend muss ich regelmäßig an Sigi von Koeding und seinen Tod denken, immer wieder. Als wäre ein enger Freund verstorben. Es gibt dafür wohl viele Gründe. Seine Styles haben mich von Anfang an begleitet, in Magazinen, auf Jams, später im Internet. Es war als würde “Dare” ein Teil dessen sein was ich auch seit vielen Jahren mache. So ist mir “Dare” letztendlich all die Jahre ein “Begleiter” gewesen, uns verbindet etwas. Und viele andere Writer sicherlich auch.

Es sind Dinge wie die unheimliche Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufes, der Krebs und letztendlich denkt man auch über sich selbst und das Leben nach. Wie schnell es Dir genommen werden kann, ohne dass man auch nur in irgendeiner Form Einfluss ausübt. Dare ist nicht an einem Krebs gestorben welcher auf den langjährigen Umgang mit der Sprühdose zurückzuführen ist. Es war ein genetisch bedingter, besonders aggressiver Tumor im Kopf welcher Sigi von Koeding das Leben gekostet hat.

Ich kannte Sigi persönlich, jedoch nicht sehr lang und unsere Treffen waren selten intensiv. Ich habe trotzdem einen Eindruck gewinnen können, von seinem Leben und seinen Vorstellungen einer Zukunft als Graffiti Writer.

Nach einer langjährigen Karriere als klassischer Graffiti Writer hatte “Dare” frühe Visionen. Schon vor der großen Ausstellungswelle hat er daran gearbeitet seine Kunst einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, was viele Gründe hatte. Er war einer der ersten welche von Graffiti leben konnten. Und das hat er aus eigener Kraft geschafft. Mit seinem unumstritten hohen Talent, einem eigenen Atelier, vereinzelten Graffitiaufträgen und einem ganz klar definierten Ziel und starken Willen hat er sich eine Existenz aufbauen können. Immer selbstbewusst und selten unsicher hat er sich dem Leben und Kritikern gestellt. Für mich unvergessen sein souveräner Auftritt bei Aeschbacher im Schweizer Fernsehen. Sigi hat eine meiner Meinung nach sehr wichtige und vor Allem effektive Lobby Arbeit für unsere Graffiti Szene betrieben. Etwas was nur Wenigen tatsächlich gelingt. Sigi hat genau dafür gebrannt, er hat daran gearbeitet Graffiti salonfähig zu machen und mit seinen Projekten versucht diese urbane Bewegung in Galerien zu festigen. Auf diesem Weg hat er viele Writer aus aller Welt mitgenommen, eingeladen und involviert. Beispielhaft sein Engagement für die große Ausstellung “Public Provocations” in Weil am Rhein im letzten Jahr. Er war der perfekte Kurator mit einer ruhigen Hand und stilvoller sowie kompetenter Künstlerauswahl. Er war immer dagegen Graffiti in eine Schublade stecken zu wollen oder dem was man auf seinen Ausstellungen gesehen hat einen Stempel aufzudrücken.

Sigi war auf dem Weg in die Zielgerade, dass Gunter Sachs seine Ausstellung in der Münchner Maximilianstraße besuchte und sein Appartement im Schloß Velden am Wörthersee gestalten ließ kam einem Ritterschlag gleich. Seine Gastspiele in renomierten Galerien versetzte die sonst eher reservierte Kunstwelt für kurze Zeit in eine angenehmene Abwechslung mit teilweise überraschend positiven und erfolgreichen Feedback.

Nun, das mag für viele hier nicht ganz so klingen wie man sich ein Leben als Graffiti Writer vorstellt, weil man selbst noch jung ist und das was Sigi schon seit über 20 Jahren machte erst jetzt selbst erlebt. Irgendwie schaue ich auch oft sehr kritisch auf das Galerie Geschehen. Mir persönlich ist neben dem künstlerischen Faktor und der Idee auch der Background, also eine Geschichte hinter dem Künstler, sehr wichtig. Sigi hatte dahingehend eine Menge vorzuweisen, sehr viele Dinge welche ich bei manch anderen “Künstler” stark vermisse.

Sigi hat unzählige Züge und Wände dieser Welt bemalt, Sigi hat ein großartiges Graffiti Magazin betrieben, Sigi hat einen geschickt entwickelten Stil mit hohem Wiederkennungswert geprägt welcher weltweit inspiriert und wohl auch in Zukunft beeinflussen wird. Zudem war Sigi ein einzigartiger Networker. Er hat sehr viel getan für Graffiti, soviel dass es problemlos ein vielseitiges und umfangreiches Buch füllen könnte. Jetzt nach seinem Tod wird mir eigentlich erst so richtig klar von welchem Kaliber dieser Writer war und ist. Die Anteilnahme aus aller Welt ist unglaublich, ich habe so etwas noch nicht erlebt. Europas Graffiti Szene befand sich lange nicht in derartiger Trauer, wenn es denn in der Vergangenheit überhaupt vergleichbare Verluste gab.

Wenn man sein Lebenswerk “Dare” mal von aussen betrachtet kann man sehen dass es ihm nach einem viertel Jahrhundert Graffiti um etwas mehr ging als nur die Wände der Baseler Line zu bemalen, was unumstritten seine Königsdisziplin war. Dare wollte immer etwas mehr, Dare to be Different. Er war fest davon überzeugt dass das was er macht und für was er lebt einen Sinn und Wert hat.

“Handschrift ist für mich Ausdruck von Persönlichkeit. Buchstaben dienen deshalb nicht nur als Kommunikation eines Inhaltes, sondern spiegeln die Seele eines jeden Schreibers. Und das ist es was ich tue, ich «Schreibe». Mein künstlerischer Ursprung liegt im «Writing», in unserer Gesellschaft unter dem Begriff «Graffiti» bekannt. Seit über 20 Jahren setze ich mich Intensiv und Aktiv mit der Schrift auseinander, habe diese in ihrer typografischen Grundform erlernt und für mich Autodidakt weiter entwickelt. Der Name DARE steht für das Pseudonym, welches ich mir anno 1986 auferlegt habe. Nach all den Jahren, wo ich meinen Namen auf die Wände dieser Welt geschrieben habe, ist es für mich die ehrlichste Art und Weise diesen Namen heute auf Leinwand zu schreiben. So sind meine Bilder als geschriebene Selbstportraits zu sehen und wenn man daran glaubt, dass Handschrift Ausdruck von Persönlichkeit ist, so kann in jedem einzelnen Buchstaben Leben gefunden werden. Dieses Leben wiederum, bin ich. DARE! oder Sigi von Koeding.”

Dass dieses Leben nun am Freitag beerdigt werden muss ist tragig und traurig zugleich. Er hatte noch eine Menge vor, viele wissen das. Ich bin mir sicher, dass seine engen Freunde wissen was Sie mit dem was er hinterlassen hat anfangen und fortführen werden. Sigi hat gut vorgelegt.

Welche Lücke er bei seiner Familie, seinen Freunden und in dieser Szene hinterlässt, war ihm selbst wahrscheinlich nie bewusst. Er war ein Original. Und Originale sind leider seit jeher dazu verurteilt auszusterben.

Vielen Dank für Alles, Sigi. Wir alle werden Dich in Erinnerung behalten, vermissen und ganz bestimmt nicht vergessen.

We stay beneath an orange sky. Ruhe in Frieden

ilovegraffiti.de
(Rest in Peace Dare)

Dare.ch, vonkoeding.ch


Posted: 10. März 2010