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Interview mit Daim

Daim hat seine neue Website online, wir haben uns das zum Anlass genommen und mit dem Hamburger Maestro über Graffiti, 3D Styles, Taping, Getting Up und vieles mehr sprechen können



Es ist ruhig geworden um Dich, besonders neue Wandproduktionen von Dir sieht man nur noch selten. Was ist passiert in den letzten Jahren, wie geht es Dir?

Ich kann nicht behaupten dass es ruhiger geworden ist, aber es hat eine Art Konsolidierung stattfinden müssen. Nach turbulenten Jahren mit vielen Reisen, Ausstellungen und Projekten, bei denen ich oft auch in die Organisation involviert war, musste eine Phase der Konzentration auf die eigene künstlerische Arbeit folgen. Dies bedeutete für mich ganz klar, sich auf weniger aber dafür renommiertere Projekte und Ausstellungen zu kümmern. Ich wollte wieder ein Gefühl dafür bekommen, wo ich mit meiner Arbeit stehe, als Künstler, und als Aktiver der Graffiti-Szene.

Durch zum Beispiel die Urban Discipline Ausstellungsreihe und den herausgebrachten Büchern, gab es Zeiten an denen man sich Fragen musste, ob man nicht viel mehr eine Eventagentur oder eine Verlag leitet, als ein Künstler zu sein. Mir ist im Grunde aber immer klar gewesen, dass meine künstlerische Arbeit der Mittelpunkt sein muss und ich habe meine Anstrengungen in den letzten Jahren wieder dahingehend verschoben.
Ich konnte meine Arbeit auf die Dinge konzentrieren die mir wichtig sind, neue Formen und Techniken für mich entwickeln und an wirklich hochklassigen Ausstellungen teilnehmen.

Die frischen neuen Generationen wissen wahrscheinlich wenig von Dir. Daim steht für die wohl besten 3D Styles weltweit. Da wird kaum jemand wiedersprechen. Wie aber hat Daim damals angefangen und wie letztendlich zu dem gefunden was du jetzt machst? Solche Skills findet man ja nicht auf der Straße?

Als 15jähriger fing es sicher damit an, Hip-Hop Musik zu hören, erste Graffitis in der Stadt wahrzunehmen, die ersten Styles zu zeichnen und dann, zwei Jahre später, das erste Mal eine Sprühdose in die Hand zu nehmen. Und dazu kam natürlich der Reiz, zu einer kleinen, besonderen Gruppe von Leuten zu gehören die diese neue „Kultur“ aus Amerika adaptierten. Man fühlte sich als etwas Besonderes. Nie kam mir am Anfang der Gedanke, dass ich Kunst machen würde, ich gar ein Künstler wäre. Aber da ich in kurzer Zeit viel gezeichnet und gesprüht habe, ist mir doch sehr schnell klar geworden, dass dies auch eine Perspektive für mein weiteres Leben sein würde.

Die Entwicklung eines eigenen Styles gelingt aber nicht nur durch Talent. Vielmehr steht der Fleiß im Vordergrund, immer wieder raus zu gehen und seine Ideen auch wirklich umzusetzen. Da ich nach der Schulzeit schon von Aufträgen leben konnte, ich bereits früh ein Auto zu Verfügung hatte und auch die nötige Zeit, gelang es mir schnell etwas Prägendes zu entwickeln. Dies wäre mir aber natürlich nie in dieser Form gelungen, wenn ich nicht auch die volle Unterstützung von meinen Eltern gehabt hätte.


Bleiben wir doch noch bei Deinem doch sehr interessanten Stil. Wo liegen die Wurzeln, die Inspiration. Wo kam die her? Wann hast Du aufgehört klassische Buchstaben zu zeichnen und zu malen? Kannst Du Dich noch daran erinnern?

Es gibt sicherlich zwei wichtige Gründe für die Entwicklung meines 3D-Styles . Erstens war ich als einer aus der ’89-Generation nicht so stark von der amerikanischen Szene, sondern vielmehr von den Arbeiten aus Hamburg, München und Paris geprägt. Mein erstes Graffiti-Buch war „Graffiti Live“ , erst danach kam „Subway-Art“, „Spraycan-Art“ und Filme wie „Wild-Style“. Der zweite Grund war sicherlich die frühe Begeisterung für das Zeichnen. Wenn man mit dem Bleistift figürlich zeichnet, und sich nicht von Comics inspirieren lässt, entsteht ganz automatisch ein Bedürfnis die Motive durch Licht und Schatten zu definieren. Dies setzte ich bereits in meinen ersten großen Graffitiarbeiten um, die Tut-Ench-Amun Gold-Maske und die Einstein Köpfe .

Der Schritt, dies dann auch an meinen Styles umzusetzen, war besonders in der Zeit Anfang der `90er naheliegend. Durch den immer stärker werdenden Einfluss des Computers wurden Darstellungen im Film oder der Werbung immer dreidimensionaler. Writer wie Delta experimentierten in diesem Feld, genauso mein damaliger Partner Hesh.

Du hast also Deine Erfahrungen auch auf der Straße und in den Yards gesammelt. Was ist der Unterschied zu damals? Würdest Du zögern wenn sich die Gelegenheit heute bieten würde Deine Arbeiten an einen Zug zu malen? Nachts, mit Risiko und ca 45 Minuten Zeitfenster?

Durch die nächtliche Arbeit lernt man Dinge, die man sonst als (Graffiti-) Künstler niemals erleben würde. Genau dies ist der Grund, warum Graffiti / Urban-Art eine Kraft in sich trägt, die nun langsam auch von Galeristen, Kuratoren und Sammlern erkannt wird. Ohne die Wurzeln in der Illegalität zu haben, würde meine Arbeit nicht den Ausdruck haben, den sie hat. Dies bedeutet aber nicht, dass ich den nächtlichen Adrenalin-Schub immer noch benötige. Auf der Suche nach neuen Wegen und Formen meine Ideen zu realisieren, bekomme ich diesen heutzutage durch anderes.

Zeichnest bzw. sketchst Du noch viel auf Papier oder ist der PC und der Photoshop mittlerweile auch für Dich und Deine Arbeiten unverzichtbar?

Die Bleistiftzeichnung in meinem Blackbook steht immer am Anfang meiner Arbeiten, egal ob sie später auf einer Leinwand, einer Editionsgrafik oder einer Wand realisiert wird. Allerdings verwende ich meine Skizzen kaum noch unbearbeitet als Vorlagen. Sie werden meist am Computer weiterentwickelt und so bis aufs kleinste Detail ausgearbeitet. So wird der Computer Teil des Arbeitsprozesses . Die Veränderung durch die Transformation in andere Medien ist daher auch inhaltlich Teil meiner Arbeit geworden.

Kommen wir mal zurück zu dem was derzeit in Deinem Leben passiert.Haben Dir die zahlreichen Ausstellungen in der Vergangenheit etwas gebracht? Speziell Du warst ja ein wichtiger Teil des im Os Gemeos Interview bereits angesprochenen Projekt Urban Discipline. Was ja wohl unbestritten zu einem wichtigen Teil Deiner kreativer Laufbahn zählen sollte oder?

Wie Anfangs schon etwas angedeutet, ist Urban Discipline für meine „kreative Laufbahn“ nicht wirklich wichtig gewesen. Wenn man so eine große Ausstellungsreihe organisiert und durchführt, fällt die eigene kreative Arbeit dabei sehr in den Hintergrund. Es waren tolle, intensive aber auch sehr anstrengende Jahre, in denen ich mit meiner Ateliergemeinschaft getting-up ja nicht nur Urban Discipline, sondern auch das 2000 m² Dock-Art Projekt im Hamburger Hafen, realisiert habe. Dazu habe ich noch an diversen weiteren Projekten, Ausstellungen und Reisen, speziell die Graffiti-World-Tour, teilgenommen. Danach war es wichtig, eine Art Schlussstrich zu ziehen um sich wieder voll auf die eigene künstlerische Arbeit zu konzentrieren. Speziell die DAIM&SEAK US-Tour im Jahr 2003 war wichtig, um wieder neue Eindrücke und Ideen zu sammeln und in neuen Bildern zu verarbeiten.


Bleiben wir nochmal kurz bei Urban Discipline, da wird für dieses Jahr eine DVD angekündigt. Kommt die tatsächlich?

Nach den ersten zwei Jahren Urban Discipline (2000 und 2001) war uns klar, dass wir diese für die Szene und die Kunstwelt wichtige Entwicklung auch auf Video dokumentieren müssen. Deshalb haben wir bei der Ausstellung im Jahr 2002 ein Team dabei gehabt, welches die gesamte Zeit gefilmt hat und unzählige Stunden Interviews mit allen Künstlern geführt hat. Da die Interviews in diversen Sprachen geführt wurden und wir den Film auch in mehreren Untertitelsprachen produzieren wollen, zeigte sich schnell, dass so ein Film seine Zeit benötigt um fertig zu werden. viele Künstler die jetzt auch in der Kunstwelt sehr bekannt sind, fingen zu dieser Zeit an, ihre Arbeit zu intensivieren. Man braucht nur an Namen wie Banksy, Os Gemeos, Herbert Baglione und viele weitere denken. Es ist gar nicht mehr wirklich wichtig wie schnell dieser Film nun veröffentlicht wird. Er wird in jedem Fall einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Entwicklung der Graffiti- / Street-Art- / Urban-Art-Kunst leisten.

Auf einen Urban Discipline Remake brauchen wir nicht zu warten oder?

Unsere Motivation die Urban Discipline zu organisieren, war die Erkenntnis, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeiten gab, unsere Kunst in einer Größe und Qualität zu präsentieren, wie wir es für richtig hielten. Aber obwohl die Urban Discipline jedes Jahr größer und professioneller wurde, war mir immer bewusst, dass wir niemals die Qualität einer großen Museumsschau erreichen könnten. Wir haben ein Stück weit zeigen wollen, wie wir uns Ausstellungen wünschen, nun sind professionelle Ausstellungsorganisationen, Kuratoren, museale Institutionen gefragt, dies aufzugreifen. Und wie wir, um nur einige Beispiele zu nennen, an „Backjumps“ in Berlin, „still on and non the wiser“ in Wuppertal oder „Urban-Art“ in der Weserburg in Bremen sehen, gibt es mittlerweile große wichtige Ausstellungen die sich Graffiti / Urban-Art annehmen.

Wie steht es um eure Ateliergemeinschaft getting-up?Arbeitest Du noch viel mit Tasek, Stohead und Daddy Cool oder haben alle verschiedene Wege eingeschlagen?

Die Arbeit auf Leinwand verlief bei mir ja von Anfang an parallel zu meinen Wandarbeiten im öffentlichen Raum. Meine Experimente mit 3D Reliefs, Skulpturen oder auch die Arbeit mit dem Pinsel sprengte meine Ein-Zimmer Wohnung, so dass ich nach dem Kunststudium in der Schweiz auch in Hamburg nach großen Räumen für meine Arbeit suchte.

So haben Tasek, Daddy Cool und ich im Jahr 1999 die Ateliergemeinschaft getting-up gegründet. Da wir in der Zeit bereits das Dock-Art Projekt organisierten und schon nach wenigen Monaten mit den Vorbereitungen der ersten Urban Discipline begannen, waren wir mit unserem Atelier schnell sehr beschäftigt.

Stohead verstärkte die Gemeinschaft, verließ uns aber auch nach ein paar Jahren wieder, da es ihn nach Berlin zog. Mittlerweile konzentriert sich jeder von uns eher auf seine eigene persönliche Weiterentwicklung, gemeinsame Projekte werden aber immer noch realisiert. Zum Beispiel die Wandarbeit „Identität“, welches wir 2008 im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort , in dem auch unser Atelier liegt, umsetzten oder „Stylekickz“ , mit dem wir in sozial schwachen Stadtteilen in Hamburg Jugendliche in ihrer Kreativität und Entwicklung durch Graffiti fördern. Genauso engagieren wir uns nach wie vor bei „Jamliner“ , einem mobilen Tonstudio, das kostenlos Jugendlichen einen Band-Probenraum zur Verfügung stellt.

Verfolgst Du heute noch was in Hamburg geht? Interessiert Dich die lokale Graffiti Szene noch?

Die Zeiten als man noch alle aktiven Sprüher in Hamburg kannte, sind natürlich schon lange vorbei, aber es ist immer spannend zu sehen, was in der eigenen Stadt so passiert. Ich nehme aber auch die Veränderungen innerhalb der Szene war, die Entwicklung von Graffiti zu Street-Art zu Urban-Art, oder wie auch immer man das bezeichnen möchte. Mittlerweile ist das klassische Graffiti ja nur noch eine Facette von vielen verschiedenen Ausdrucksformen im öffentlichen Raum. Das finde ich sehr spannend und es zeigt das Offenheit die Entwicklung bestimmt.


Du hast letztes Jahr an dem Projekt ARTotale in Lüneburg teilgenommen, Deiner Heimatstadt. Wie ist Deine Meinung heute, knapp ein Jahr danach? Resumee?

Natürlich habe ich mich gefreut, dass erste Mal überhaupt in meiner Geburtsstadt Lüneburg eine Arbeit zu realisieren. Aber ich war auch skeptisch, ob so eine moderne Kunstform in dieser Stadt mit ihrem historischen Kern funktionieren würde. Im Nachhinein erscheint diese Skepsis als völlig unbegründet, denn gerade dieser Gegensatz schärft das Auge. So faszinieren wunderschöne mittelalterliche Gebäude umso mehr, wenn neben ihnen ein Cut-Out von Swoon klebt oder der Stromkasten davor von Evol zu einem kleinen Plattenbau-Wohnblock verwandelt wird. Wenn solche Eingriffe in den Stadtraum nicht wären, würde eine alte Stadt auch schnell zu einem historischen Museum werden. In Lüneburg ist dies gerade auch durch die Leuphana Universität kaum möglich, denn wie sie auch durch das Projekt ARTotale bewiesen hat, ist sie bereit, mit viel Aufwand die Politiker und Bewohner Lüneburgs von Neuem zu überzeugen. Ich halte das Projekt, aus der Sicht der teilgenommenen Künstler, für sehr gelungen.

Mit was arbeitet Daim heutzutage eigentlich, Sprühdose oder unter anderem auch Pinsel?

Die Sprühdose war immer mein Hauptarbeitsgerät. Die Entwicklung eines Entwurfes am Computer dauert heute aber deutlich länger, als die Umsetzung mit der Dose an der Wand. Mittlerweile sind als neue Technik noch die Tapings dazugekommen, also mit Klebeband umgesetzte Bilder. Diese weisen starke Parallelen zu meinen am Computer erstellten Vektor-Grafiken auf, so dass hier auch wieder die Transformation von der einen in die andere Technik für mich das Spannende ist.



Welche Sprühdosenmarken und Cap Variationen empfiehlst Du für derartige Feinarbeiten. Wenn ich mir Deine Artworks so anschaue hat man irgendwie den Eindruck dass Caps für solche Detailarbeiten nicht existieren?

Ich habe in meinen über 20 Jahren Graffiti-Erfahrung mit allen möglichen Sprühdosenmarken und Caps gearbeitet. Angefangen mit Dupli-Color, Trendi und Eisodur über Sparvar, Multona und Auto-K zu Molotow und Montana Gold. Auf meinen vielen Reisen habe ich natürlich auch immer wieder mit den Sprühdosen vor Ort gearbeitet, wie zum Beispiel Altona in Frankreich, Rustoleum und Krylon in den USA oder Colorgin in Brasilien. Bei einem Bild kommt es auf einen guten Style an. Diesen kann man mit fast allen Sprühdosen und Caps dieser Welt umsetzen. Was nützen dir die besten Dosen und Caps, wenn du keinen Style hast?

Du hast eine neue Website online, erzähl uns mal was es da zu sehen gibt?

Der „DAIM.org Relounch 2010“ soll mehr zeigen als nur die aktuellen Arbeiten und Projekte. Ich sehe die Site auch als Online-Archiv in der man meine Arbeit der letzten 20 Jahre begleiten kann. Es sind über 700 Fotos neu bearbeitet und in deutlich besserer Qualität veröffentlicht worden als bisher. Dazu kommen aber auch Editionen, Skizzen und Videos sowie Magazin- und Zeitungs-Veröffentlichungen.
Man kann sich nun auch über RSS, Twitter oder Facebook mit der Seite verbinden, um so immer auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Wer hat die gestaltet und umgesetzt? Du selbst?

Die Seite basiert auf WordPress und wurde von mir angepasst.

Was ist eigentlich aus dem Projekt Tagged in Motion geworden und was sind Deine Erfahrungen dazu? Erzähl uns bitte etwas mehr davon.

Im Rahmen der „nextwall“ habe ich in Kooperation mit der Agentur Jung von Matt / next das Projekt „Tagged in Motion“ realisiert. Wir haben dieses als ein erstes Experiment verstanden, Graffiti und Augmented reality zu kombinieren. Für mich eine völlig neue Erfahrung, etwas in den Raum „zu sprühen“ und sich dabei um das entstandene Objekt herum bewegen und sogar hinein gehen zu können. Natürlich ist dies erst ein Anfang solche Techniken zu entwickeln und zu perfektionieren. Die riesige Resonanz (die YouTube Videos wurden über 1 Million mal angeschaut) zeigt, dass dieses Thema viele Leute interessiert. Ich glaube allerdings, dass dies zwar auch für Graffiti eine interessante neue Facette bedeutet, aber natürlich nie die Umsetzung eines real gesprühten Bildes ersetzen könnte.

Was werden wir dieses Jahr von Dir hören? Größere Projekte oder Reisen von denen Du schon etwas erzählen kannst?

Es gibt bereits Projekte und Ausstellungen. Allerdings ist es noch etwas zu früh um darüber zu sprechen. Auf meiner Website werden dann die entsprechenden Ankündigungen erscheinen.

Vielen Dank für das Interview, alles Gute. Möchtest Du noch etwas hinzufügen?
Wir haben im letzten halben Jahr zwei wichtigen Persönlichkeiten der Graffiti-Szene verloren. Dies ist ein großer Schock und Verlust.
R.I.P. Eric!
R.I.P Dare! /


Posted: 22. Mai 2010