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Die Graffiti-Zensorin

Julia Wübbenhorst rennt durch die Straßen von Halle und verklebt „schwarze Balken“ über die zahlreichen störenden Graffiti. Das Ganze basierend auf, wie sollte es anders sein, einer Semesterarbeit an der Hochschule für Kunst und Design. Zum Thema „Reparatur“. Die Anti Graffiti Hochbug Halle feiert das natürlich entsprechend, findet Nachahmer und betitelt den Schwachsinn als neuen Trend. Die News des Tages nach dem Jump


Die Sache hat sich ein bisschen verselbständigt. Eigentlich sollte es „nur“ ein Projekt im Fach Kommunikationsdesign werden – nun sieht Initiatorin Julia Wübbenhorst staunend zu, wie ihre Idee immer größere Kreise zieht. Zielscheibe: die zahllosen Graffiti-Schmierereien an Hauswänden.

Angefangen hatte es mit einer Semesterarbeit an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein zum Thema „Reparatur“. Die Studenten fragten: Was stört wo? Was könnte wie geändert, verbessert, repariert werden? Was sie selbst störte, das wusste Julia Wübbenhorst schnell: eben jene Schmierereien, im Fachjargon auch „tags“ (sprich: täks; engl. etwa: Kennzeichen) genannt.

Was aber kann man dagegen tun? Man könnte sie zensieren, dachte sich die 25-Jährige. Wenigstens symbolisch. Und so klebte sie – mit Erlaubnis der Hausbesitzer – ihre ersten schwarzen Balken quer über die „tags“. Allerdings so, dass die Schmiererei nicht völlig verschwindet, sondern teilweise sichtbar bleibt. Große „tags“ bekamen breitere Balken, kleinere „tags“ bekamen schmalere Balken.

Im Internet, genauer: beim sozialen Netzwerk Facebook gründete die Studentin eine Gruppe und lud Fotos hoch. Offenbar traf sie damit einen Nerv, denn inzwischen sind in Halles Innenstadt zahlreiche Graffiti überklebt. Mitstreiter meldeten sich auch schon aus Leipzig und Berlin.

Die Studentin weiß freilich zu unterscheiden: Ihre Aktion richte sich nicht gegen aufwändig und legal gesprühte Wandbilder, sagt sie, sondern allein gegen die ausufernden mehr oder weniger schlecht zu entziffernden Zeichen.

Und im Gegensatz zu den Farbschmierereien hinterlassen Julia Wübbenhorsts Zensurversuche übrigens keinerlei bleibende Schäden: Das Gewebeklebeband löst sich nach einer gewissen Zeit selbst; bei ihren eigenen Klebeaktionen achtete Julia Wübbenhorst außerdem darauf, nicht nur das Einverständnis der Hausbesitzer zu haben, sondern auch keine bröckeligen Wände zu bekleben.

Freilich glaubt Julia Wübbenhorst nicht, dass ihre Aktion Schmierer von ihrem Tun abhält. Ihr reicht es, wenn wenigstens etwas Aufmerksamkeit auf die Zeichen und das damit verbundene Problem gelenkt wird. „Die Reaktionen“, sagt die Studentin, „waren bisher ausnahmslos positiv.“ Was die Schmierer von der Aktion halten, ist nicht bekannt.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung
Foto: THOMAS MEINICKE


Posted: 1. Juli 2010