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Nosm Interview

Es ist schon eine interessante Story: Zwei gebürtige Spanier leben in Deutschland, in den Neunzigern schon relativ aktiv in Sachen Graffiti wandern die beiden 1997 aus. Von Düsseldorf gings in Richtung New York. 13 Jahre später gehören die beiden zum festen Bestandteil der TATS Crew und treiben sich in der Weltgeschichte herum. Meist begleitet von Fotos auf allen einschlägigen Graffiti Portalen. Im März letzten Jahres hatten wir uns mit How und Nosm bereits etwas ausführlicher unterhalten können, Eigentlich bekommt man die Zwillingsbrüder immer nur im Doppelpack. Eine Ausnahme macht Nosm im Interview mit Jenna Günnewig, welches vor einigen Tagen für den WDR geführt wurde


Wie bist du von Hochdahl mitten in die South Bronx gelangt?

Nosm: Durchs Graffiti. In Hochdahl haben mein Bruder und ich angefangen zu malen. Irgendwann hat uns eine Bekannte eingeladen, zu ihr nach New York zu kommen. Wir mussten einfach hierhin ins Mekka des Graffiti. 1997 war das, wir kannten niemanden, wussten nur von einem Graffiti-Laden. Da sind wir hin und haben mit dem Manager geredet, einem der Gründer der berühmten Graffiti-Gruppe „Tats Cru“. Wir haben die anderen Mitglieder getroffen und zusammen gearbeitet. Es wurde eine immer festere Beziehung, wurde Freundschaft und irgendwann Familie. Anfangs sind mein Bruder und ich zwischen Düsseldorf und New York hin und her geflogen. 1999 wollten wir einfach mal länger bleiben – aus den geplanten drei, vier Monaten sind schließlich Jahre geworden.

Jetzt lebst und arbeitest du schon seit über zehn Jahren hier – ist diese Gegend wirklich so schlecht wie ihr Image?

Nosm: In der Bronx gibt es die höchste Asthma- und Aidsrate in den Vereinigten Staaten, dazu die meisten Teenagerschwangerschaften und eine hohe Arbeitslosenrate. Hier herrscht Armut, sozialer Wohnungsbau und Gewalt. Du siehst junge Leute ohne Zähne im Mund, weil keiner eine Krankenversicherung hat, um zum Zahnarzt gehen zu können.

Schlimmer als die Problembezirke in Deutschland?

Nosm: Anders. Viel ärmer, viel zurückgebliebener. Wir haben oft in Schulen gearbeitet, den Kids Graffiti malen beigebracht. Du musst durch einen Metalldetektor wie am Flughafen, um überhaupt reinzukommen. Ich meine, das sind Kinder! Die bringen hier Waffen mit in die Schule. Die Lehrer sind jünger als ich, das Curriculum ist klein, sie lernen nicht viel. Das Schulsystem ist im Vergleich zu Deutschland ein Witz. Das hat natürlich einen Effekt auf das ganze Leben. Wenn man nichts lernt, kommt man hier nicht so schnell raus. Aber es gibt auch gute Entwicklungen. Es entstehen neue Projekte und Vereine, die den Kindern und den vielen jungen Müttern helfen.

Welche Bedeutung hat Graffiti für das Leben in der Bronx?

Nosm: Graffiti hilft vielen Kindern vom Verbrechen weg zu bleiben. Von dem ganzen Elend, das sie in der Bronx umgibt. Sogar mir in Deutschland hat es damals geholfen. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, habe 14 Jahre im Sozialbau gewohnt, war nur auf der Straße. Meine Freunde haben irgendwann Autos geklaut, mich hat das Malen mehr interessiert. Die haben Heroin gespritzt, sind im Knast gelandet, ich wollte einfach nur überall meinen Namen sprühen.


Hier in der Bronx sieht man an jeder Ecke gesprühte Namen und meterhohe Wände voller bunter Malerei. Ist Graffiti hier Alltagskultur?

Nosm: Graffiti ist ein Teil der Bronx und hat in den späten 60er Jahren in New York angefangen. Es wurde immer größer und größer und irgendwann zum Virus. Alle Metro-Züge waren in den 80er Jahren „beschmiert“, wie manche sagen, aber eigentlich, wenn man sich hier in dieser Zeit umgeschaut hat, alles verlassen und niedergebrannt, da waren die Züge das schönste! Bunt und voller Kunst.

Heute sieht man in der New Yorker Metro keine voll gesprühten Züge mehr. Wann hat die Stadt die Sprayer in den Griff bekommen?

Nosm: : Das Ende der Graffiti-Ära auf Zügen war in den frühen 90er Jahren, als in New York die Silberzüge eingesetzt wurden, die angeblich nicht besprüht werden können. Es kommen aber immer noch Graffiti-Touristen. Viele Deutsche, die hier in New York Züge als Trophäe besprühen wollen. Wenn ein Abteil besprüht worden ist, wird nur zwanzig Minuten später der gesamte Zug aus dem Verkehr gezogen, damit es möglichst keine Nachahmer gibt. Obwohl es immer ein paar Schlitzohren gibt, die wissen, wie man das System austrickst, habe ich in meinen elf Jahren hier nur zwei Mal einen besprühten Zug in eine Metrostadion einfahren sehen.

Wie wirst du als Deutscher in der amerikanischen Graffiti-Szene akzeptiert?

Nosm: Die ganzen Old-School-Graffiti-Maler sehen dich erstmal skeptisch. Du hast in den 80er Jahren hier keine Züge gemalt, du bist nicht „original“. Aber das will ich auch gar nicht sein. Mein Zwillingsbruder und ich sind sehr kreativ, malen anders als die generelle Szene hier. Die Mentalität von Europäern ist eine ganz andere. Wir denken anders, wir sehen Sachen anders. Das reflektiert sich in der Arbeit. Dann bin ich auch noch Deutscher! Wir Deutschen arbeiten extra viel, extra gut. Wir sind diszipliniert – das weiß hier jeder.

Was bedeutet Graffiti für dich?

Nosm: Es hört sich dumm an, wenn ich sage „it’s my life“. Aber ja! Es ist ein großer Teil meines Lebens. Auch meines Lebensstils, ich verdiene mein Geld damit. Wenn ich kein Geld damit mache, dann gehe ich einfach raus und male. Es ist ein Ventil für mich, es macht Spaß. Ich kann meine Aggressionen rauslassen, in eine Welt eintauchen, die nur mir gehört. Ich male jetzt schon über 22 Jahre, manchmal frage ich mich, warum ich das noch mache. Die Antwort ist einfach: Das bin ich. Das ist ein Teil von mir.

Deine Graffiti sind in Musikvideos, Werbung, auf Plakaten, Marken und T-Shirts. Wann wird Kunst zu Kommerz?

Nosm: Den „Sellout“-Vorwurf halte ich für Schwachsinn. Wenn man älter wird, wohnt man halt nicht mehr bei Mami und Papi, man muss eigenes Geld verdienen. Manche studieren, werden Doktor, machen ihr Geld damit. Ich hab mein Talent genutzt, so dass ich von meiner Kunst leben kann. Wir bei der „Tats Cru“ haben unseren Stil für das Kommerzielle, den verkaufen wir. Meine eigenen privaten Sachen sehen ganz anders aus.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder in Düsseldorf zu leben?

Nosm: Nein, das hab ich hinter mir. Ich werde aber auch nicht für immer hier bleiben. New York ist keine Stadt, in der man alt werden will. Es ist zu hart und zu schnell, wenn du alt bist. Aber noch, noch bin ich jung genug.

Das Interview führte Jenna Günnewig/WDR


Fotos: How Nosm Flickr, WDR


Posted: 29. August 2010