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WERTICAL Interview mit HONET

Wenn Cédric erneut entscheiden könnte, würde er wahrscheinlich beschließen, Archäologe zu werden. Tatsächlich aber ist er Künstler. Er nennt sich Honet und bringt gleich zwei Talente unter einen Hut: seine Kreativität und seine Neugierde. Ihn interessieren Hinterlassenschaften voriger Generationen. Er erforscht Gebäude, Werkzeuge und Kunstwerke und kriecht dafür in enge unterirdische Tunnel, auf hohe Dächer und hält ebenerdig stets Ausschau nach neuen Expeditionen. All seine Erfahrungen hält er in seinen Illustrationen fest, die nicht nur in der Kunstwelt hoch angesehen sind, sondern auch als Hinterlassenschaft geschätzt. Seine Kunst ist lesbar wie ein Lehrbuch, das vom Vergessenen, Unbeachteten, Unterschätzten, überall Auffindbaren erzählt. WERTICAL trifft Honet in seiner Heimatstadt Paris. Wie er sagt, ist die Kathedrale Notre-Dame für ihn ein Ort, auf den er hinaufklettert, um zu entspannen. Wir entscheiden, doch ebenerdig zu bleiben, und spazieren mit ihm an der Seine entlang, während wir über Platzangst, Höhenangst und chinesische Masken sprechen. Das Interview mit HONET nach dem Jump!

Öffentliche Gebäude sind in der Regel sehr stark bewacht. Ist die Gefahr, erwischt zu werden, nicht ziemlich hoch?

Das ist ganz unterschiedlich. Beim Grand Palais beispielsweise haben wir nie Sicherheitsleute gesehen. Zumindest nicht bis vor zwei Jahren, als immer mehr Leute anfingen, dort rauf zu klettern.

Bis es zum Trend wurde.

Ganz genau. Mittlerweile gibt es eine Menge junger Leute, die ihre Städte ausführlich erkunden wollen. Ja, es ist – in der Tat – ein Trend, vor allem hier in Paris. Natürlich ist das auch in anderen Städten, wie zum Beispiel in New York, zu beobachten, aber Paris bietet die besten Bedingungen. Ich denke dabei gerade an die Katakomben, die als Treffpunkt dienen, um Pläne zu besprechen, die dann letztendlich hoch hinaus auf Gebäude führen.

Das hört sich erst einmal widersprüchlich an: unterirdisch Pläne schmieden, die – im wahrsten Sinne des Wortes – hoch hinaus führen.

Ja, das ist es allerdings.

Du hast deine Karriere als Graffiti-Künstler begonnen, also in einer sogenannten „Underground“-Bewegung. Bist du erst über Graffiti mit dem real Unterirdischen und Überirdischen in Berührung gekommen?

Mein Interesse, das Unentdeckte zu entdecken, hängt definitiv mit meinem Graffiti-Hintergrund zusammen. Für mich ist es normal, ungewöhnliche Orte zu betreten, und das hat definitiv auch mein Blickfeld geprägt: Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Plätzen, an denen ich malen könnte. Ich bin höchst aufmerksam und nehme alle möglichen Details auf. Der Durchschnittsmensch nimmt solche Details gar nicht wahr. Nicht weil sie versteckt sind, aber sie sind außerhalb unseres üblichen Fokus, vielleicht irgendwo in der Höhe oder in einer Ecke.

Es ist belegt, dass wir für gewöhnlich nicht über die erste Fensterreihe hinaus schauen.

Ja, es ist tatsächlich eine Frage der Übung, es doch zu machen. Aber wenn du einmal anfängst, deinen Radius zu erweitern, hast du es schnell drauf. Am Anfang habe ich nur nach Plätzen zum Graffiti-Sprayen geschaut, aber nach ein paar Jahren, habe ich Orte entdeckt, die mich in ihrer Gesamtheit interessiert haben. Wenn du deine Stadt aus einem anderen Blickwinkel betrachtest, liebst du sie folglich auch aus einem neuen Hintergrund heraus. Du realisierst, dass deine Stadt mehr als nur das Offensichtliche zu bieten hat. Es gibt vieles zu entdecken, Dinge, die mit der Vergangenheit, der Kultur und der Stadtgeschichte zu tun haben. Eine Stadt kann sehr interessant sein.

Aber du warst nicht von Graffiti gelangweilt und hast nach etwas Neuem gesucht?

Nein, ich habe nicht aus Langeweile angefangen, genauer hinzuschauen. Dinge verändern sich mit der Zeit. Ich werde älter und ich hatte zudem Probleme mit der Polizei.

Wegen Graffiti?

Ja, genau. Meine Crew und ich haben sehr viel gemalt. Die Gendarmerie hat uns über acht Monate lang verfolgt. Sie haben unsere Telefone abgehört und uns drei Tage lang in Untersuchungshaft gehalten. Es gab am Ende keine juristischen Konsequenzen, aber das Vorgehen hat für uns persönlich Folgen. Wir wussten, dass die Polizei uns im Auge behält. Das macht dich paranoid! Ich musste meine Gewohnheiten ändern, um nicht verrückt zu werden.

Das war also dein Wendepunkt.

Ja, genau. Ich habe mit Graffiti nicht komplett aufgehört, aber ich konzentriere mich nicht nur noch auf das Bemalen von Zügen und ich habe meine Ansichten geändert. Ich habe angefangen, legal in den Straßen zu malen und solch skurrile Orte wie Katakomben, Kirchen oder Türme zu entdecken.

Bist du ein Kontroll-Freak, der am liebsten alle drei Ebenen kontrollieren würde? Den Untergrund, die Oberfläche und auch alles darüber hinaus?

Ich mag die Kontrolle, aber im täglichen Leben halte ich mich eher zurück. Als Kind habe ich Die drei Musketiere gelesen. Es war eins meiner Lieblingsbücher. In der Geschichte gibt es einen König, der die Macht zu haben scheint. Tatsächlich aber spinnt jemand anders hinter seinem Rücken die Fäden, nämlich der Kardinal.


Hast du Angst, wenn du hoch hinauf kletterst?

Sehr sogar. Aber ich übe und werde besser und besser. Letzte Woche zum Beispiel war ich in Italien, um eine 6-Meter hohe Wand zu bemalen. Der Hydrauliklift sah nicht wirklich verlässlich aus. Da hatte ich es mit der Angst zu tun. Aber ich wollte die Wand bemalen, und so blieb mir nichts anderes übrig als dagegen anzukämpfen.


Und wie ist es mit dem Unterirdischen? Es führen doch sicherlich oft nur enge, dunkle Wege in solche Katakomben?

Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Hast du keine Angst, vom Weg abzukommen und eventuell nicht mehr zurückzufinden?

Einmal war es so. Ich habe die Orientierung verloren, und zudem wurde die Batterie meiner Taschenlampe immer schwächer. Ich war gemeinsam mit einem Freund unten. Auch er kannte sich nicht aus, und seine Taschenlampe war ebenfalls kurz davor zu erlöschen. Ich hatte totale Angst und mich schon damit damit abgefunden, dass wir uns binnen kurzer Zeit in totaler Dunkelheit befinden, und das eventuell für eine lange Zeit.


Crack&Shine begleitet HONET in die Katakomben von Paris

In deiner Kunst kombinierst du deine Erfahrungen als Graffiti-Sprüher und Symbolik aus der Unterwelt und dem Klettern: Schlüssel, heilige Motive … Wie definierst du deine Kunst?

Meine Kunstwerke spiegeln mein tägliches Leben wider. Sie zeigen mein Universum und folglich auch mein Leben, vom Anfang bis jetzt. Ich vergesse meine früheren Erfahrungen als Graffiti-Sprüher nicht obwohl ich damit abgeschlossen habe. Heute haben meine Reisen einen großen Einfluss auf meine Bilder.

Du bist vor allem für deine Figuren bekannt, die einen sehr hohen Wiedererkennungswert haben. Hast du sie entwickelt, als du entschieden hast, keine Graffiti mehr zu machen, oder sind sie schon vorher entstanden?

Die habe ich immer schon gemalt. Als ich damals noch Züge besprüht habe, habe ich mein Alias ziemlich oft geändert. Nicht nur aus Angst vor der Polizei, sondern vor allem, weil ich Veränderungen mag. Und um jeden Namen herum habe ich eine passende Welt einwickelt. Als ich meinen Wehrdienst absolviert habe, waren meine Alias-Namen alle Armee-inspiriert, und das Design und die Charaktere dieser Welt natürlich auch. Als ich von einem Trip nach Japan wiederkam, benutzte ich nur japanische Namen, japanische Charaktere.

Deine Umgebung scheint deine Kunst maßgeblich zu beeinflussen. Magst du das Östliche?

Total! Ich war sehr viel im Nahen Osten unterwegs und entdecke momentan den Fernen Osten für mich.

Deine Figuren tragen Masken. Sie erinnern an Masken des japanischen Kabuki; Kommt diese Inspiration aus dem Fernen Osten?

Ganz genau! Allerdings habe ich sie auf einem Markt in China gekauft. Sie sind ein beliebtes Mitbringsel. Das ist auch der Grund, warum ihre Bedeutung heute nicht mehr halb so bekannt ist. Manche sind aus Plastik, andere aus Papier und wiederum andere aus Holz. Ich habe eine große Sammlung, von günstig bis teuer.

Notwendigerweise! Schließlich re-interpretierst du sie und benutzt sie für deine Kunstwerke. Deine weibliche Figuren tragen diese Masken auch, was in der asiatischen Kultur unüblich ist, da schließlich nur Männer auf die Bühne durften, und die Masken zur Darstellung der Frauen- und Dämonenrollen dienten.

Das stimmt. Das ist wohl meine demokratische Ansicht, die da mit hereinfließt und chinesische Traditionen kritisiert.

Du benutzt und verdrehst.

Ja, es wäre langweilig, alles so zu nehmen, wie es vorbestimmt sind. Masken sind für mich eine bedeutende Symbolik. Nicht nur wegen des Bezugs zum Graffiti, wo Sprüher Masken tragen, um sich unkenntlich zu machen. Man kann das ganze weiter spinnen und behaupten, unsere gesamte Gesellschaft würde sich aus vielen verschiedenen Masken zusammensetzen. Ich bin Cedric und Honet; zwei Personen in einem Körper, die komplett verschiedene Leben leben. Inoffiziell bin ich Graffiti-Sprüher, offiziell Illustrator.

Honet ist der Graffiti-Sprüher und eigentlich doch auch der Name, unter dem du deine Illustrationen veröffentlichst. Ist Cedric dann nicht vielleicht sogar eine dritte Person?

Ja, stimmt, eigentlich schon. Er ist schüchtern und macht nichts. Ich denke oft über dieses gespaltene Verhältnis nach. Aber ich habe keine Antworten. Die Symbolik von Masken passt einfach perfekt zu dieser gespaltenen Persönlichkeit beziehungsweise zu Graffiti. Ich benutze oft Details von Masken in meinen Arbeiten. Ich habe sogar eine komplette Serie zum Thema gemacht: Masken, die mit U-Bahn-Symbolik verziert sind. Ein Freund verfasste einen poetischen Text dazu, der eine mystische Geschichte über uns erzählt. Kurz zusammengefasst: wir tragen Masken und kämpfen gegen Monster, die sich in Tunneln verstecken. Wir zielen auf ihre Köpfe, die wir als Trophäen besitzen wollen. Ich mag es einfach, zwischen allem, was man weiß und erlebt, Parallelen zu ziehen, zwischen Mythologien, Legenden, Graffiti.

Liest du viel?

Früher habe ich viel gelesen. Ich versuche es gerade wieder zur Gewohnheit werden zu lassen. Aber es gibt definitiv eine Parallele zwischen den Sachen, die ich lese und mich interessieren.

Jedenfalls bist du jemand, der viel reflektiert.

{Lacht.} Das stimmt. Ich denke viel über Graffiti nach, was das Sprühen für mich bedeutet und wie ich damit persönlich umgehe, da es, wie gesagt, ein schizophrenes Leben mit sich bringt. Manchmal male ich mich selbst, um mich aus der Entfernung betrachten zu können.

Wirklich?

Ja, manchmal platziere ich mich sogar auf meinen eigenen Kunstwerken, und Freunde von mir auch.

Stimmt, jetzt, wo du es sagst, ist es ganz klar. Manche Figuren tragen sogar Fred-Perry-Jacken oder Adidas-Schuhe, wie du!

Genau. Wie gesagt, es geht um mein Universum, und da spielt ein gewisser Lifestyle eben auch eine Rolle.

Bist du modebewusst?

Ich würde nicht sagen ‘bewusst’, aber definitiv interessiert. Kleidung sagt schließlich viel über uns und unser Leben aus.



HONET hat erst vor einigen Tagen sein Buch “I Want Discipline” veröffentlicht! Hier gibt es einen kleinen Preview. In Kürze wird dieses Buch auch in Deutschland erhältlich sein, Info gibt´s die nächsten Tage!!

“Out since July, 2 Honet’s first monograph, ‘I Want Discipline’, puts on display artworks of his three past exhibitions in Marseille, Tokyo and Yverdon-les-Bains, Switzerland. The book throws us in the artist’s pictural world, showing us his most known characters such as monsters, skeletons and masked characters. Moreover, Honet take us into his adventures through his pictures. By linking his work and his life, ‘I want Discipline’ allows a better understanding of the peculiar world of this uncharacteristic artist.”

- Hardcover
- 80 Seiten (farbig)
- Format : 18 x 24 cm
- Texte Engl / Franz
- Preis : 24 €

Interview/Fotos + english Version: Wertical
HONET: Website
ILG Smalltalk mit HONET (Dezember 2009): Lesen


Posted: 23. Juli 2012