rss instagram

INTERVIEW – Ces53 [DEUTSCH/ENGLISH] 11/2012

CES53 ist ein Graffiti Writer aus Rotterdam. Aktiv seit 1985, zählt der Holländer heute zur Avantgarde der europäischen Graffitiszene. Bekannt wurde CES53 durch seine zahlreichen One-Man Full Colour Wholecars in den Neunzigern, die 1991 auch durch die unsere Hauptstadt gerollt sind. CES53 hat an der Willem de Kooning Kunst Akademie in Rotterdam studiert, wo er seine Öl- und Acryltechnik weiterentwickeln konnte. CES53 ist einer der interessantesten Köpfe der europäischen Graffitibewegung, vielfältig und immer auf der Suche nach neuen Ideen und nach wie vor hochaktiv in allen Bereichen. Wir haben uns mit CES unterhalten, über Graffiti, seinen Einstieg, Berlin, Sparvar & Marabu, Bücher, Filme, Banksy, Kidult, die Kunstwelt und vieles mehr! (ENGLISH/DEUTSCH)



links: CES53 (1985) / rechts: CES53 (1989)

Wie und wann hast Du angefangen, wie sah Dein Einstieg in die Graffitiszene aus?

Im Jahr 1977 habe ich mal die Aussenseite einer Tür an unserem Haus mit meinem Namen bemalt, ich bin damals stolz zu meinem Vater gerannt um ihm das zu zeigen. Ihm hats irgendwie gar nicht gefallen und es gab einige Hiebe. Dann 1983 habe ich angefangen Cartoons und Comics zu zeichnen, auf diversen Untergründen wie Kartons oder so. 1985 ging es dann los und ich habe meine ersten Pieces gemalt. Das war auch kurz nachdem ich Style Wars gesehen habe.

Wofür steht die 53?

Die 53 steht für das alte U-Bahn System in meiner Heimatstadt, das hatte verschiedene Zonen, die Kombination für Rotterdam war 5300



Rotterdam (1988)


Sollten Einsteiger eigentlich heutzutage Subway Art gesehen / gelesen haben, ist es eine Art Bibel die man als Einstieg zumindest mal zu Gesicht bekommen haben sollte? Sind die alten Bücher aus New York ein guter Anfang um sich mit der Szene und seiner Geschichte auseinanderzusetzen, was meinst Du?

Nein, ich denke das ist nicht notwendig. Und mit einer Bibel würde ich es schon gar nicht vergleichen. Eine Bibel ist meist nicht mehr aktuell ab dem Moment sie mal gedruckt wurde. Also ich meine, die alten Bücher aus New York sind schon relevant, auch für mich war und sind es interessante und hilfreiche Quellen gewesen. Ich habe viel gelernt aus dieser Lektüre, ich war über jede hilfreiche Information dankbar, habe all die Bilder von der Straße, Fotos, Bücher, Cartoons, Dokumentationen und Filme aufgesaugt, gemixt und daraus meinen eigenen Style entwickelt.

Schaust Du Dir noch immer derartige Bücher an?

Ja klar! Aber mittlerweile auch viele andere Medien die mich zum Teil sogar immer noch beeinflussen können. Kunst generell. Tribal Art, Tattoo Art, Street Art, Pre-Columbian Art. Graffiti sollte nie stehenbleiben und sich immer in eine oder mehrere Richtungen entwickeln.

Um mal bei Style Wars und ähnlichen Filmen und Büchern zu bleiben, man kann also Deiner Meinung nach generell nicht sagen, dieses oder jenes Buch sollte man gelesen haben?

Ja, mittlerweile sehe ich das so. Ich denke nicht dieses Buch ist besser wie das andere Buch. Alle zusammen ergeben einen guten Schnitt und eine angemessene Vorstellung wie alles angefangen hat, was Graffiti ist und für was es steht. Angemessen deswegen, weil alle Bücher auch immer nur Momentaufnahmen sind und natürlich stark beeinflusst sind von den Autoren, mit ihren eigenen persönlichen Referenzen aus dieser Zeit.



ZEDZ / CES53 (New York/1992)

In Subway Art und Style Wars beispielweise wird SEEN als der One and Only King of Graffiti beschrieben, und andere Writer welche viel mehr Einfluss auf das Geschehen in New York hatten blieben auf der Strecke oder wurden gar nicht erwähnt. Nehmen wir FUZZ, der Mann hat weitaus mehr gemacht als SEEN, im gesamten New Yorker Metro Streckennetz, mit einen hervorragenden und auch besseren Style gemessen an der damaligen Zeit. SEEN hingegen hat sich auf die weitestgehend sichere Line 6 beschränkt.

Im Ergebnis sind SEEN und einige mehr also die bekanntesten NYC Graffiti Writer in Europa. Aber in New York selbst ist SEEN nur einer von sehr sehr vielen. Es war so damals und ist heute noch so, Leute die sich über Internet Kings beklagen sollten die Geschichte von Graffiti intensiver studieren und sich informieren. Bücher und Filme geben immer nur einen kleinen Teil des Ganzen wieder, das wird wohl auch immer so bleiben. Subway Art und Style Wars sind hervorragende Beispiele dessen. Jede Veröffentlichung hat Lücken, manchmal sehr große. Bücher, Filme und vor allem das Internet begründen heutzutage Legenden und Kings, wo oft gar keine sind und die Wahrheit völlig anders ausschaut. Nicht selten verbirgt sich hinter einer großen Story der kleine Toy ohne Glaubwürdigkeit in der Straße.


SIE / DMON (1990)

Welches Buch oder welchen Film würdest Du denn letztendlich eine Empfehlung aussprechen?

‚Graffiti Kings‘, ich liebe dieses alte rohe Material das in dem Film verwendet wird. Aber ich mag auch all diese YouTube Videos aus Moskau oder Barcelona, mit Notbremse, in denen Fenster eingeschlagen oder Feuerlöscher gegen Cops eingesetzt werden. Oh ja, und das bekannte Video mit dem „Hamburg Subway Break“ mit den Jungs von der BK. Es gibt da auch noch all diese Videos in denen Writer gebusted werden, ich mag mir das gern anschauen, aus der sicheren Perspektive vorm Bildschirm „from my safe chair“ quasi..


Bleiben wir bei Feuerlöschern, wie findest Du die Aktionen von KIDULT?

Sehr unterhaltsam, lustig anzuschauen seine Videos und Aktionen gegen das große kommerzielle System. Generell mag ich Menschen die verrückten Kram machen der nicht in diese Welt passt…out of the box stuff you know.

Es hat sich sicherlich viel getan in den letzten 20 Jahren, wie fühlt sich Graffiti 2012 an, was hat sich Deiner Meinung nach stark geändert?

Es gab kein Internet. Alles war langsamer, heute gehen Dinge online und werden innerhalb von 24 Stunden weltweit gesehen. Informationen reisen so schnell heutzutage. Wir haben diese sehr guten Spraydosenmarken, günstig und jeder kann sie kaufen. Früher war es halt doch sehr anders, kein Internet, keine Graffitishops oder Marken. Gute Dosen waren teuer also musste man klauen, eine Marabu beispielsweise kostete zwischen 13 und 22 Deutsche Mark, abhängig wo man die kaufen konnte. Eine Auto-K zwischen 15 und 22 DM. Für einen 18jährigen war ein Wholecar also weitestgehend unerreichbar, finanziell gesehen. Marabu gab es auch nicht überall, man musste suchen, es war schon hart die richtigen Dosen zu finden. Marabu war und ist für mich das absolute Nonplus-Ultra. Die besten Dosen ever, für Wholecars beispielsweise war und ist das Zeug hervorragend, war aber eben schwer zu bekommen. Da konnte auch keine vergleichbare Spraydose mithalten damals. 1991 in Berlin beispielsweise kannten die Writer das alles gar nicht, mit Sparvar sollte man dort versuchen One-Man Wholecars zu malen, in einer Stunde oder maximal anderthalb Stunde, wie das mit Marabu eben schon möglich war. Mit Sparvar undenkbar. Sparvar war wirklich gut, so bis 1987, dann haben die aber die Rezeptur geändert, und das Zeig war nur noch wässerige Suppe die andauernd irgendwelche Probleme hatte. Die Farbe änderte sich während des Malens, die Deckkraft war sehr mies, usw. Manchmal findet man noch einige dieser alten Sparvar Dosen, zu erkennen an dem alten Label, mit dem dicken Letterfont. Die neuen haben so ein digital gedrucktes Label um, die sind wirklich nichts mehr wert.



CES53 (1988) / gemalt mit den alten SPARVAR´s von 1987 / das Dunkelgrau (z.B. im ‚C‘) wurde mit der neuen SPRAVAR gemalt

Was aber viele aus früheren Jahren immer irgendwie ein wenig unterschätzen war die Relevanz der Verfolgung von Trainwritern durch die Cops und das Gesetz. Die Urteile damals waren sehr viel härter. Es konnte schnell passieren das jemand mit einer Strafe von 50.000 DM aus dem Gerichtssaal entlassen wird. Für vielleicht nur einen Wholecar oder so. Da war viel Willkür im Spiel im Vergleich zu heute. Einige der in den Achtzigern und Neunzigern sehr aktiven Writer können davon ein Lied singen, wenn du die Cops am Hals hattest, und die Aussichten schlecht waren konnte man schon mal eine Strafe bekommen, die das weitere Leben stark beeinflussen würde, also Zahlungen über hohe Summen und einen langen Zeitraum von 25 Jahren und Gefängnis.



Berlin 1991

Du scheinst damals öfters in Berlin gewesen zu sein, wann genau war das, warum und an was genau erinnerst Du Dich neben der schlechten Sparvar Dosen?

Um ehrlich zu sein ich erinnere mich am liebsten an die S-Bahn Spots dort, beste! 1991 war ich für 3 Monate in Berlin, habe viele S-Bahn Wholecars gemalt, nur deswegen war ich da. Graffiti, jeden Tag malen, Dosen und Essen klauen, Fotos machen am nächsten Morgen wenns denn geklappt hat. Um die 50% der Aktionen waren nicht erfolgreich. Das war teilweise schon ein hartes Programm manchmal nah dran am Bust, das war nicht so einfach wie manche heute vielleicht denken.

Hast Du heute noch Kontakte in Berlin?

Ja



links: Berlin Schöneweide (1991) / rechts: JACK ‚Marabu Flavour‘ (Berlin/1991)

Wie wichtig ist Dir persönlich der kreative Anspruch, Stylewriting hat sich ja schon sehr stark verändert im Vergleich zu den Neunzigern beispielsweise

Ich habe einen kreativen Anspruch, ich male nicht um mit 70.000 Pieces zu prahlen. Ich mag das, am Style zu feilen, etwas zu ändern, jedes Piece ist individuell und ein kleines Projekt. Ich male ein Piece wenn ich mich danach fühle, wenn ich mich mitteilen will, oder ich habe eine gute Idee oder Inspiration. Natürlich gibt es auch diese Momente in denen Du einfach paar Throw-Ups oder Tags an die Kiste malst, schnelle Dinger… just for the rush of destroying shit, like back in da days

Würdest Du Dich selbst als ein Writer bezeichnen der diverse kreative Impulse gegeben hat, vielleicht sogar Innovationen hervorgebracht hat oder etwas was Du selbst entwickelt hast?

Ja ich denke schon, da gibt es so einige kleine Dinge die andere dann wiederum genutzt haben. Kleine Punkte die an den Buchstaben kleben usw. Ich denke auch mein Stil hat insgesamt betrachtet einen hohen Wiedererkennungswert. Aber ich bin ja immer noch dabei das weiter voranzubringen. Niemals an einem gewissen Punkt stehenbleiben, daran das Interesse zu verlieren kann zu diesem „Ich kenne eh alles“ Ding führen. Dann machst du irgendwann immer nur noch das Gleiche, Piece um Piece. Immer und immer wieder.


CES53 (1991)

Hattest Du schonmal das Gefühl jemand hat da direkt übernommen was Du selbst für Dich und Deinen Stil beanspruchst? Style oder auch deine figürlichen Arbeiten..

Da gab es einige Fälle, da waren Kopien die zu 90% meinen Stil zeigten. Das war dann auf jeden Fall auch ‚too much‘, ich mag das überhaupt nicht, Leute die anderen den Style klauen um Aufmerksamkeit zu erregen oder so. Ich erkenne das nicht an, nicht das Biten und auch nicht diejenigen welches es tun, das sind für mich keine Writer. Ich mag diese sehr eigenen Styles, wie den von FUME beispielsweise. Das war immer so „anti“, ich mag das. Ein Mann der sein eigenes Ding macht, eigener Style anstatt dieses Affentheater und Nachgemache mit Bling Bling Styles. Es braucht Zeit und Eier einen eigenen Stil zu entwickeln und zu leben. Es ist wichtig da auch mal kreative Risiken auf sich zu nehmen und einfach zu machen. Das gefällt mir sehr viel mehr als all diese Writer die auf Nummer sicher gehen. Diese sind dann meist langweilig und es kommt eigentlich nur drauf an wie die technisch umgesetzt sind. Ja, ich mag Writer mit eigenem Stil, auch wenn das manchmal im Vergleich zu meinen Sachen optisch sehr sehr viel anders aussieht

Du bist auch viel unterwegs in Europa und der Welt, wo würdest Du jemanden hinschicken um Deine Pieces zu sehen?

Berlin, Amsterdam, Rotterdamm, Gent, Mailand, Sizilien, New York, Mexico City und Cholula, dort habe ich beispielsweise gemalt in den letzten Jahren



CES53 (2007)

Man kann Dich bedenkenlos zu den Pionieren der europäischen Graffitiszene zählen, wie ordnest Du das für Dich selbst ein? Ist Dir mittlerweile der kreative Output wichtiger als das ´Getting Up‘, oder anders gefragt: hat ‚Getting Up´ heute eine völlig neue Definition?

Nein, aber ich halte mich selbst heute schon für einen Künstler, egal was ich mache, Graffiti, Street Art, eine Leinwand malen, eine Skulptur, es ist alles Kunst für mich. Was ich speziell an Graffiti mag ist, Du zeigst Deine Kunst der Öffentlichkeit und nicht irgendeinem korrupten Galeristen oder Kurator eines Museums. Nur Du entscheidest selbst was gezeigt wird, das finde ich großartig. Das gibt dem Künstler die Freiheit etwas einer breiten Masse zu zeigen ohne die Kunstwelt ‚am Arsch lecken‘ zu müssen. Getting Up in den Achtzigern als ich noch jung war kann man aber nicht mehr vergleichen zu heute meine ich. Früher als ich noch jung war, in den Achtzigern. Da ging´s um andere Ideale, die sind selten geworden. Es ging oft und fast ausschliesslich um den Namen, Bombing und Tags. Im Jahr 1986 waren 90% der Szene Tagger und Bomber, nur 10% haben bereits richtige Pieces gemalt, illegal. Heute besteht die Szene aus weitaus mehr unterschiedlichen Typen, da gibt es teilweise kaum noch Gemeinsamkeiten. In einigen Fällen kritisieren sich die einzelnen Teile der Szene sogar gegenseitig. Trainbomber dissen Wildstyle, Writer die nur legal malen dissen Trainwriter und so weiter. Zu meiner Zeit hast Du in einer Hall of Fame geübt um illegal besser und besser zu malen. Meine Züge haben dadurch eine ganz andere Note bekommen, die Qualität stieg durch das Üben in den Halls, ein optimaler Ausgleich und die richtige Balance war wichtig. Ich unterscheide da auch heute noch nicht wirklich, ob Legal, an der Line, Street Art, Güterzüge, Regios, Flugzeuge, Stencils, Sticker, Tags, die richtige Balance ist da eben wichtig. Wenn Du eines dieser Dinge zu oft machst, wirds langweilig.


CES53 (2011)

Ich möchte im Zuge dessen mal etwas richtigstellen, ein Statement aus einem alten BACKSPIN Interview mit mir, in dem es auch um dieses Thema ging. Inhaltlich hörte sich das so an: „RIO und seine 200 Silber Wholecars sind häßlich“. Das habe ich so nie gesagt. Ich meinte zu dem Interviewer, dass DONDI und seine superb Full-Color Wholecars wohl mehr Einfluss auf die Graffitiszene hatten als die 200 Silber Wholecars von RIO. Einfach um im Interview zu verdeutlichen und zu unterstreichen das Qualität für mich eine wichtige Rolle spielt. Ich war zu keinem Zeitpunkt meine Absicht, RIO zu dissen oder das was er gemacht hat in Frage zu stellen, er war und ist ein ganz Großer, und Bruder.

Hat das Internet die Graffitiszene in irgendeiner Art verändert? Wie du ja schon richtig erzählt hast, die Szene ist mittlerweile auch wegen dem Internet noch mehr zersplittet als noch vor 10 Jahren der Fall war. Fühlst Du Dich nach wie vor als ein Teil der heutigen Graffitiszene?

Ja ich fühle mich immer noch 100% wie ein Writer, wenn Du irgendwann das Gefühl hast nicht mehr dieser Szene anzugehören dann hängst Du vielleicht zu viel im Internet rum oder so. Wenn das Internet irgendwas verändert haben sollte interessiert es mich nicht, am Netzwerk innerhalb der Szene ändert das nichts, das funktioniert bestens und das finde ich nachwievor großartig. Manchmal triffst Du jemanden zum ersten Mal und schon nach 3 Tagen fühlt es sich an als würde man denjenigen schon mehrere Jahre kennen.

Nun das Internet kann aber doch schon eine gute Sache sein, viele Graffiti Writer haben mittlerweile eigene Flickr, Webseiten, Facebook Seiten whatever. Das macht es einfach schneller aktuelle Arbeiten oder Wände unter die Leute zu bringen. Es wirkt aber auch inflationär, Overkills sind da nicht selten. Und es fühlt sich manchmal strange an, kommt Graffiti selbst doch von der Straße und dem Untergrund.

Meistens sind es ja die Graffiti Writer welche ausschliesslich legal malen. Die haben das alles was ihr da auflistet. Auch ich mag es alte und auch die neuen Fotos direkt im Netz anzuschauen. Aber das reicht niemals aus um sich ein Bild zu machen von der Realität in den Straßen. Das was Du mit Deinen eigenen Augen siehst kann kein i-Phone dieser Welt ersetzen. Ich halte nicht sehr viel von diesem i-Phone/Facebook Hype, das ist lächerlich und so unpersönlich.


CES53 (2012)

Wie gehst Du mit Deinen eigenen Fotos um? Wände, Trains etc, behälst Du das unter Verschluss für eigene oder exklusive Veröffentlichungen?

Ja

Heute ist Graffiti nicht nur in Holland eine starke, schnelle und hochaktive Bewegung geworden. Du hast das alles wachsen sehen, siehst Du Dich heute selbst als jemand der das mit ins Rollen gebracht hat? Besonders in Holland?

Nein, ich bin nur ein Teil des Ganzen, Graffiti ist für mich eine alte Tradition mit Regeln, Kodex und Style Codes, eben das was sich konstant immer weiterentwickelt. Ich habe von Leuten vor mir gelernt und ich habe das wiederum weitergegeben an die welche nach mir kamen. Ich denke nicht regelmäßig über alte Zeiten nach, es gibt so viele die sich über alles beschweren und wie toll das früher alles war. Das sind genau die Leute die heute nichts Neues und Interessantes mehr bringen können. Du musst Dich selbst immer auf den aktuellen Stand bringen, dich entwickeln, kämpfen. Andernfalls wird es eben langweilig und man sollte aufhören zu Malen.

Aber heute sind Städte wie Berlin oder andere Metropolen voll mit Paste-Ups, Stencils und Rollers. Dinge die es damals in dem Umfang nicht gab. Wie denkst Du über diesen Teil der Bewegung, besonders das was man heute als Street Art kategorisiert?

Ich mag Street Art Poster, Stencils und den Kram, habe kein Problem damit. Meine figürlichen Arbeiten werden ja auch oft der Street Art zugeordnet, ich bin also selbst ein Street Artist. Ausserdem ist diese Art der Straßenkunst mindestens so alt wie das klassische Graffiti. Ich habe schon in den Achtzigern zahlreiche Sticker, Stencils und selbstgemachte Poster in den Straßen kleben sehen, das ist also so oder so nicht neu wie ich meine


links: CES53 Stencil (2011) / rechts: CES53 ‚McDeath‘ (2011)

Was würdest Du machen wenn ein Stencil Artist eines Deiner Pieces zumindest mit seiner Arbeit optisch berührt oder gar überklebt?

So ein Problem hatte ich noch nie. Wie ich schon meinte, meine Arbeiten ordnen sich irgendwo zwischen Graffiti und Street Art ein, ich denke da ist der nötige Respekt auch von beiden Seiten gegeben.


Wie denkst Du über den BANKSY / TEAM ROBBO Konflikt?

Ich habe dazu nicht wirklich eine Meinung. Ich kenne auch nicht alle Details. Mein erster Gedanke war wieder einer dieser BANKSY Publicity Stunt Moves, wie alles was er bisher gemacht hat. Grundsätzlich denke ich BANKSY sollte mehr für die Graffitiszene tun, er hat Power in der Kunstwelt. Er sollte diesen falschen High-End Art Fools wissen lassen wo er herkommt, von der Straße. Und nicht schlechte Filme wie diesen „Exit through the gift shop“ machen. In dem wird gezeigt wie einfach man Geld verdienen kann mit seiner Kunst, pure Illusion. Das ist unmöglich so wie er das darstellt. Nicht ohne den Support von Leuten wie Steve Lazarides, der BANKSY unterstützte. Ohne Steves Hilfe wäre BANKSY nur ein ganz normaler durchschnittlicher Street Artist


CES53 Leinwand ‚Comeback Of The Chavin Minded Funny One P.‘ (2007)

Bleiben wir beim Thema, du hast ja auch schon einige Male ausgestellt. Wie fühlt sich das an für Dich? Eine Deiner Arbeiten in eine Galerie zu hängen? Und wie denkst Du generell über Graffiti in Galerien, was macht einen Graffiti Künstler für die Kunstwelt interessant was meinst Du?

Für mich ist Graffiti Art eine Kunstform wie jede andere, und es ist sehr interessant wie die Kunstwelt damit umgeht. Ich male gern auch mal eine High-Quality Leinwand, schon deswegen weil es schlichtweg nicht so vergänglich ist wie vieles was man draussen so macht, wo ja meistens alles irgendwann nicht mehr zu sehen ist. Die Kunstwelt ist in sich sehr unterschiedlich und komplex. Von völlig überbewerteten Künstlern wie Damien Hirst, der Nonsense an ungebildete Millionäre verkauft, die meinen in etwas wertiges investiert zu haben. Bis zu kleinen Galerien die sich wirklich Mühe geben. Alles ok. Alles was zählt ist doch am Ende das Verständnis des Künstlers für die Kunst und was Kunst bedeutet. Und nicht der arrogante Direktor des Museums und auch nicht irgendein Kurator oder Kunstkritiker, diejenigen welche noch nie Farbe an den Händen hatten und einen Scheiss verstehen.

Du warst ja mal Mitglied des LASTPLAK Kollektivs, bist es aber nicht mehr wenn wir richtig informiert sind. Warum?

Weil sich da nichts mehr getan hat, keine Entwicklung, kein Drive mehr. Nur noch dieser legale Kram, was mich gelangweilt hat mit der Zeit

Hast Du ein neues Kollektiv gefunden?

Das „One more time“ art school movement.
Clowns from hell fine arts collective.
Monsters Of Art museum posse.
Real transit artists gallery branch.
Rolling steel wheel crusader Rembrandt division.

Es gibt ja noch einen anderen Graffiti Künstler in den USA, der ebenfalls den Namen CES malt. Aus New York, kennst Du ihn und wie denkst Du über die Doppelbelegung des Namens?

Als ich den Namen CES 1987 das erste Mal gemalt hatte, wusste ich nichts über CES aus New York. Mein Name hat sich ja aus NICES ergeben, den Namen habe ich vorher gemalt. 1988 habe ich angefangen CES53 zu schreiben. Immer noch ohne jegliches Wissen über CES aus New York. Defacto hat CES aus New York zwischen 1986 und 1992 wenig gemalt, so habe ich auch erst danach von ihm erfahren. Wenn ich vorher davon gewusst hätte würde ich wohl heute einen anderen Namen malen, denn er hatte eher angefangen CES zu schreiben. Ich wusste halt schlichtweg nichts davon. Und ja ich kenne ihn, wir haben uns schon getroffen und auch zusammen gemalt. Ein CES CES End2End. Er ist cool! Das erste was er sagte war „..you represent „the“ name in the east and I will do the same in the the west what you think about that“ und ich antwortete: „that sounds just right bro, lets divide the world in two“.



NICES (1987)


Bleiben wir beim Thema New York. Du hast erst kürzlich den Hicki & Ski Transit Cops Wholecar von SEEN mit einem Piece parodiert. Die Message war eigentlich unmissverständlich, es zeigt COPE2 und SEEN als Cops, daneben links und rechts die beiden Namen. Wir haben auch die Gerüchte dazu im Vorfeld alle lesen können..

Es war als Kabarett-Graffiti gedacht, eine lustige Satire des bekannten Wholecars von SEEN basierend auf diversen Informationen.

Wie waren die Reaktionen?

Nur einer war nicht sehr happy mit dem Piece und hatte wohl einen Nervenzusammenbruch, aber alle anderen fanden es eigentlich ganz cool und witzig. SEEN hat sogar nach einem hochaufgelösten Foto gefragt..

Planst Du momentan irgendwas für die nahe Zukunft?

Immer, ich arbeite immer an Dingen für die Zukunft und male viel.

Hast Du als Abschluss einige Worte an alle Graffiti Writer und vor allem die die es werden wollen?

Immer dran bleiben, entwickeln, aktiv sein. Für Anfänger ist es immer sehr wichtig viel zu zeichnen, üben in den Halls, besonders wenn Du illegal malen willst. Arbeite an einem eigenen Stil, schau nicht zu oft nach rechts und links. Bringe Perfektion in die Basics, dann wird sich auch schnell mehr entwickeln. Und ganz wichtig: Bevor Du rausgehst und illegal malst, lerne wie die andere Seite arbeitet, denkt und wie sie agiert. Und vor allem verrate niemals, niemals, niemals Deine Freunde oder Leute mit denen Du rausgehst. Das ist ein NoGo. So sehe ich das. Ich hatte und habe Freunde welche mir sogar angeboten haben sich vor mich zu stellen bei den Cops, nur um meinen Arsch zu retten. In einer Zeit als gegen mich stark ermittelt wurde. Das ist der Spirit. Arbeitet zusammen wenn es notwendig ist. Wenn einer von euch gebusted wird helft euch gegenseitig, macht vorab Deals an die ihr euch haltet, um den anderen aus der Scheisse zu helfen.

Und eine letzte Sache, macht Graffiti, Kunst, Street Art whatever weil euch danach ist und ihr es mit Leidenschaft betreiben wollt. Nicht um damit reich oder bekannt zu werden, das ist der falsche Ansatz. Die meisten enden mit derartigen Motiven in einer frustrierenden und unbefriedigenden Situation, die es nicht wert ist zu leben, Kunst macht keinen Brad Pitt aus Dir. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste etwas Kreatives machen, ich wollte diesen Weg unbedingt gehen weil es eines der wenigen Dinge in meinem Leben war und ist, was mich glücklich macht. Mit Graffiti fühle ich mich zuhause. Ich liebe das Spiel mit den Spraydosen, Farben und den E-Gitarren, wenn ich das in meinem Leben missen müsste würde ich mich sehr schlecht fühlen.


links oben: CES53 (2012) / rechts oben: CES53 (2011) / links unten: RSWC (2010) / rechts unten: VISK/CES53 (2009)

Danke für das Interview! Willst Du noch etwas hinzufügen?

Yo FINO! Wenn Dir mal wieder nach Full Color One Man Wholecars auf Berlin S-Bahn ist lass es mich wissen, i am down! Peace an alle Kreativen da draussen, egal ob bekannt oder weniger bekannt, groß oder klein. Ihr seid die neue Generation und die zukünftigen Legenden und Godfathers, nicht diese Internet Bigmouth Posers! Love to my brothers and sisters from the crews, you know who you are!


CES53 / Fotoauswahl / chronologisch sortiert 1985 bis 2012 / CES53 Leinwandarbeiten

Photos: CES53
Interview: notme (ENGLISH VERSION)
CES53 / 300 Seconds: Videoportrait


Posted: 27. November 2012