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WERTICAL Interview mit MOSES & TAPS™ (deutsch)

Was WERTICAL erwähnen darf, um dieses Interview einzuleiten, ist, dass es um MOSES & TAPS™ geht, die Künstlergruppe, die ebenfalls als ERNI & BERT™ oder TOPSPRAYER™ bekannt ist. Was sie jedoch geheim halten müssen, ist, wer und wie viele sich hinter diesen Pseudonymen verbergen, wie sie aussehen und wo wir sie getroffen haben. MOSES & TAPS™ sind Beweis dafür, dass Graffiti ein zwiespältiges Dasein zwischen Illegalität und Legalität bestreitet – die Künstler sind für ihre besprühten Züge bekannt und beliebt; und doch weiß niemand, an wen das Lob zu richten sei.

Nachdem das 2011 veröffentlichte Buch INTERNATIONAL TOPSPRAYER: MOSES & TAPS™ eine erste Übersicht über die umfangreichen Arbeiten der Künstlergruppe gewährte, präsentiert die kommende Einzelausstellung TOPSPRAYER EXPRESS™ nun Neues von MOSES & TAPS™ : Bilder, die Graffiti gekonnt und überlegt von ihrem herkömmlichen Medium wegbewegen, re-interpretieren und, im wahrsten Sinne des Wortes, auf eine Reise schicken. Ein WERTICAL Interview über Inkognito-Dasein, Pseudonyme, das Internet und ihre Ausstellung in der Galerie Ruttkowski;68, zu deren Vernissage sie aus Sicherheitsgründen nicht anwesend sein werden.


Dass Graffiti-Sprüher und vor allem Trainwriter, wie ihr es seid, ihre Identität verschleiern, ist nichts Neues. Anstelle des eigenen Namens werden Pseudonyme gesprüht. Diese dienen innerhalb der Szene zur Identifikation und verdecken gleichzeitig nach außen. Allerdings sind sie auch ein Indiz, dem die Polizei gerne folgt. Ihr nutzt dieses Versteckspiel und treibt das Graffiti-typische Inkognito-Dasein auf eine neue Ebene – ihr vertauscht eure Decknamen und erfindet auch gerne noch welche dazu. Ihr seid weder für die Szene noch für die Polizei greifbar. Wie kam es zu diesem rigorosen Entschluss?

Der Ansatz war sicherlich die Konsequenz unserer bisherigen Erfahrungen.

Gehören dazu Probleme mit dem Gesetz?

Wir haben keine Probleme mit dem Gesetz. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass einige Gesetzeshüter sehr wohl ein Problem mit uns haben. Wir spielen mit Regeln – auch mit denen, die es diesbezüglich in der Graffiti-Szene gibt: dass es eben nur einen Protagonisten geben darf, der einen bestimmten Namen malt. Das sorgt innerhalb der Szene für Wiedererkennung, aber eben auch bei den Sonderkommissionen der Polizei, die aus diesem Grund natürlich Interesse daran haben, diese Szene-Regeln zu manifestieren…

Sind Moses und Taps frühere Pseudonyme, die ihr nun zu einem zusammengelegt habt?

Es sind ursprünglich zwei Decknamen. Mittlerweile identifizieren wir uns aber nicht mehr über ein Pseudonym – es ist beliebig, wer was malt. Es kann alles passieren …

Nur nicht, dass ihr euch verratet. Um wie viele es sich bei euch handelt, ist sicherlich ebenso geheim wie eure Namen.

Ganz genau – und eben das karikieren wir auch. Es kann vorkommen, dass wir uns in einem Satz als fideles Quintett, im nächsten als dreckiges Dutzend und im wieder nächsten als die beiden vom sympathischen Trio vorstellen.

Ihr arbeitet seit 2007 zusammen. Wie habt ihr euch gefunden? Fandet ihr, dass eure Arbeiten zusammen passen, oder war es eher das Persönliche?

Es waren die ähnlichen Denkansätze, Meinungen über Graffiti und über das, was wir gemacht haben oder noch machen wollen. Aber natürlich auch eine gewisse Sympathie. Durch unsere individuellen Stile haben wir uns jedenfalls nicht gefunden – die hätten damals unterschiedlicher kaum sein können. Wir haben eigentlich erst angefangen, uns unseren gegenseitigen Stilen anzunähern und diese weiterentwickelt, als wir anfingen, mit den Namen zu spielen.

Ihr seid im Grunde also unterschiedlich und ergänzt euch gut?

Ja: der eine ist technisch versierter, der andere ein Kopfmensch, während vielleicht wieder ein anderer intuitiv arbeitet. Wenn wir alle genau gleich wären, würden wir uns ja nur im Weg stehen. Dann müssten wir auch wesentlich mehr Diskussionen darüber führen, wie wir das, was wir machen, am besten angehen. Das machen wir ohnehin schon, und die würden sich dann ins Unermessliche steigern – fürchterlich. Man weiß einfach, was ein anderer besser kann oder wofür ein anderer ein besseres Gefühl hat.

Teamwork ist also das A und O?

Ja, es ist aber ganz klar ein Prozess, auf diese Weise im Team arbeiten zu können. Wir haben jeder fünfzehn Jahre und länger gemalt, bevor wir uns kennenlernten. In der Zeit haben wir uns ausgetobt. Heute geht es uns nicht mehr darum, selbstsicher das 1000. oder 10000. Mal einen gewählten Namen auf einen Zug zu schreiben. Nun sind die Experimente das, was uns interessiert.

Und bei denen geht es um was?

Darum, Althergebrachtes in Frage zu stellen, weiterzuentwickeln und auszuprobieren, was noch möglich ist. Wir gehen zwar oft mit einem sehr genauen Arbeitsplan an eine Aktion heran, doch in letzter Zeit ist die Improvisation immer häufiger das Konzept unserer gemeinsamen Arbeit. Wir wissen mittlerweile, was wir voneinander erwarten können. Der Fokus liegt nicht mehr so sehr darauf, was am Ende visuell herauskommen soll, sondern auf dem Prozess; dieser geschieht allerdings zu spontan und intuitiv um ihn detailliert planen zu können. Jeder macht, was er macht.

Aber im Endeffekt geht es um die Kommunikation des eigenen …

Daseins. Nicht um die des eigenen Namen. Vor allem nicht wenn der eigene Name ein Alias ist, das einer Handvoll Personen zugeordnet werden kann.

Es geht wie im klassischen Graffiti also doch um das vorgeschobene Ego – sei es auch abstrahierter.

Das mag im Einzelfall stimmen, aber das zieht sich im Grunde durch alle Lebensbereiche. Ob du als Schriftsteller ein Buch herausbringst oder einen prägnanten Malstil hast: es geht um das persönliche Ego, das sich entfaltet und dadurch einen Wiedererkennungswert erzeugt.

Durch das Spiel mit euren Namen ist euer Ego jedoch nicht eindeutig zu identifizieren. Niemand weiß, wer ihr seid.

Seitdem wir das machen, ist eine neue Generation von Konsumenten herangewachsen, die tatsächlich gar nicht mehr weiß, wer wir ursprünglich sind. Das bestätigt unsere Erkenntnis, ein Alias mit einem gewissen Abstand zu unseren Persönlichkeiten zu betrachten. Dabei sagen wir nicht, dass es mal richtig war und jetzt falsch ist, nur Namen zu sprühen, aber für uns hat sich das einfach verwässert.

Seht ihr eine Entwicklung in der Szene? Gibt es mittlerweile vielleicht Graffiti-Anfänger, die von vornherein auf das Sprühen ihres eigenen Namens verzichten?

In den Generationen nach uns herrscht schon ein gewisser Abstand zum Name-Dropping, auch wenn man auf die Darstellung des eigenen Namens noch nicht konsequent verzichtet. Graffiti ist in den letzten Jahren freier geworden. Auch im illegalen Bereich sehen wir heute Sachen, die vor acht Jahren noch ein Spektakel gewesen wären. Sachen, die sich vom reinen Verformen des Buchstabens entfernen und etwas erzählen.

Viele eurer Arbeiten hätten legal eventuell gar nicht denselben Ausdruck. Wie wichtig ist euch das illegale Arbeiten?

Die Illegalität bietet uns alle erdenklichen Freiheiten. Uns geht es jedoch nicht um den Kick, etwas Verbotenes zu machen. Das mag früher mal so gewesen sein, stellt heute jedoch keinen Antrieb mehr dar. Mittlerweile haben wir nicht mehr jedes Mal den extremen Adrenalinschub, wenn wir malen gehen. Dafür haben wir das System zu sehr im Blut. Anstatt sich im Bahndepot durch die Hintertür zu schleichen gehen wir vorne rein. Nervenschonend und unauffällig.

Ihr arbeitet in eurem zweiten, offiziellen Leben aber nicht bei einer Bahngesellschaft?

Viele wollen das sicherlich glauben, aber nein: das tun wir nicht.

Trotzdem seid ihr wie Hacker. Ihr wisst alles über das System und könnt es deswegen bearbeiten. Eure Graffitis sind nicht klassisch. Sie täuschen mal das Auge und parodieren ein anderes Mal gesellschaftliche Ereignisse. Bedient ihr euch ausschließlich der Graffiti-typischen Materialien, oder habt ihr da auch Neues entdeckt?

Da wir immer unter Zeitdruck arbeiten, benutzen wir die Materialien, die am dienlichsten für uns sind. Das können ebenso Folien, Klebeband, eine Nagelschere und ein Schraubenzieher wie auch alle erdenklichen Lacke und Farben, Gleissteine, Aceton, Terpentin, Laugen und natürlich die traditionelle Sprühdose sein.

Ihr habt nun eure erste Einzelausstellung in der Galerie Ruttkowski;68. Wie kam es zu dieser Entscheidung, öffentlich und offiziell auszustellen?

Angeblich betrachtet man ein Kunstwerk für durchschnittlich sieben Sekunden. Der allgemeine Fahrgast betrachtet Graffiti auf einem Zug eher nie. Wir hoffen, dass unsere Bilder in der Galerie mehr Zeit bekommen. Es ist schön zu wissen, dass wir dort auch Leute ansprechen, die unsere Arbeiten sonst nie sehen würden.

Ihr seht eure Arbeit auf Zügen wegen ihrer kurzen Sichtbarkeit aber nicht als Zeitverschwendung an?

Nein, in den seltensten Fällen besprühen wir Züge, damit sie am Bahnhof Aufmerksamkeit erhaschen. Wir haben ein Bild im Kopf, das wir für uns realisieren wollen, tun dies und dokumentieren diesen Augenblick. Was dann mit dem Zug passiert, ist uns eigentlich relativ egal – außer wir realisieren etwas so konkretes wie SELLOUT™, das sich explizit auf die Reaktion der Betrachter bezieht, die sich einen der Dollarscheine vom Zug abreissen sollen. Oder wir sind in Bukarest, Belgrad, Rom oder Neapel unterwegs, wo besprühte Züge zwei Jahre lang fahren – und das auch sollen.

Fertigt ihr Skizzen an als Vorlage?

Klar, gelegentlich legen wir Freihand- oder zum Beispiel Photoshop-Skizzen an, um uns selbst klar zu machen, wie ein Bild später auszusehen hat, um die Dimensionen einschätzen zu können und vielleicht schon erste Handgriffe festzulegen.

Innerhalb der Graffiti-Szene erfahrt ihr viel Wertschätzung, Lob und positive Kritik. Würdet ihr nicht gerne die Lorbeeren dafür ernten können?

Nein, wir warten auf keinen Schulterklopfer.

Wie steht ihr zum Internet?

Das ist ein Thema, mit dem wir uns momentan nicht aktiv beschäftigen möchten. Für uns ist es etwas flüchtiges und unkontrollierbares.

Obwohl eure Sichtbarkeit, euer Wiedererkennungswert und vielleicht auch eure Bekanntheit maßgeblich durch eure Präsenz im Internet möglich wurde?

Das mag sein, allerdings haben wir dazu nicht aktiv beigetragen. Nicht ein einziges Bild wurde jemals von uns ins Internet gestellt, weder auf Streetfiles, Flickr, Facebook noch sonst wo. Und dort gibt man einem Bild wohl nicht mal sieben Sekunden…


Interview & Übersetzung: Wertical.com / Wertical auf Facebook / Interview English Version / Photos (oben): Nils Müller

TOPSPRAYER EXPRESS™ is the first solo exhibition by the artists.

Duration: February 1 – March 17 / Vernissage Facebook Event

RUTTKOWSKI68
Bismarckstrasse 68
50672 Köln
Phone +49(0)221 1699 3647
info@ruttkowski68.com

HOURS (during exhibitions)
Mon-Fri 15-20h
Sat-Sun 17-20h
Tue closed and by appointment



Posted: 16. Januar 2013