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INTERVIEW – Esher (STREETFILES.ORG)


159,801 Fotos und 6710 Mitglieder. Das war 2009. Seit wir das letzte Mal mit Esher von Streetfiles.org gesprochen haben sind einige Jahre vergangen. Heute zählt die Foto-Community 801,930 Fotos und 85,410 Mitglieder. Mit dem Wachstum muss sich das Team hinter der Plattform diversen Problemen stellen: unerwünschte elektronische übertragene Nachrichten und Kommentare, sogenannte Spambots häufen sich. Die Server stoßen teils an ihre Grenzen, die für Streetfiles.org wichtige Suchfunktion funktioniert wochenlang nicht und zuletzt wurden stagnierende Besucherzahlen verzeichnet. Wir haben mit Esher von Streetfiles.org darüber gesprochen und gefragt wie es in Zukunft weitergehen soll mit der europaweit größten Graffiti Foto-Community.

Vor fünf Jahren ging Streetfiles online, wie denkt ihr heute über die Funktion der Seite. Hat sich alles so entwickelt wir ihr euch das vorgestellt hattet?

Wir hatten uns da keine genauen Ziele gesetzt, es war mehr so ein Experiment. Wir stellen die Plattform, von den Graff-Freaks kommen die Inhalte, die Community und der Umgang miteinander.

Wie definiert ihr eure Zielgruppe heute? Graffiti oder würde es euch freuen wenn sich das Feld der Nutzer etwas mehr öffnet und auch viel mehr Uploads aus den Bereichen Fotografie, Street Art , Galerien oder Kunst im öffentlichen Raum generell bei euch zu sehen sind?

Die Zielgruppe findet uns, nicht wir sie.

Also ist euch grundsätzlich egal wer da seine Fotos und mit welchen Motiven hochläd?

Wir haben natürlich unsere persönlichen Präferenzen. Aber das Spannende ist ja, dass Streetfiles ein Trendbarometer ist. Leinwände funktionieren gar nicht, Skizzen nur bedingt, Titten, Moses, Taps und Action-Shots gehen immer.

Und der Anteil der Streetfiles.org Nutzer aus dem osteuropäischen Raum und Russland ist (zumindest in der Wahrnehmung von aussen) immens hoch oder?

Graffiti goes east. Als nächstes kommt China.

Wie genau funktioniert eigentlich eure Startseite? Nach welchem Prinzip?

Die Startseite zeigt Photos, die kürzlich viele Reaktionen hatten, also worüber unsere User reden. Die “New & Popular” Liste bei den Photos mischt unsere Präferenzen gemischt mit Interaktionen von Usern.

Es wird immer wieder bemängelt das Fotos blockiert werden bei euch und keiner so wirklich versteht warum. Es gibt ja Richtlinien dafür oder? Wer genau schaut da drauf und wurde tatsächlich jedes der über 800.000 Fotos auf Streetfiles manuell gecheckt auf Qualität und Inhalt?

Es gibt lockere Richtlinien, wir haben Workshops gemacht. Wir sind ca. 10 aktive Admins, jeder hat aber seinen eigenen Style. Theoretisch muss also jeder Admin nur 100 Fotos pro Tag checken. Das kannst du in ca. 5 Minuten machen. Aber leider machen nicht immer alle Admins gleich viel mit, ausserdem gibt es noch ein paar andere Tasks: Abuse-Berichte checken, Mail-Kommunikation mit den Usern, SPAM-Bekämpfung, etc, etc, etc.

Was spricht gegen die Lockerung und eine generelle Aufsicht, die aber nicht mehr jedes Foto checkt sondern die Uploads und User nur beaufsichtigt? Wie das bei Flickr funktioniert bspw? Bei einer bestimmten Größe der Plattform in der Zukunft doch eh unumgänglich oder?

Zum einen gibt es bei uns das Qualitätslevel: Hier schmeissen wir jetzt ca. 20% der Fotos raus, weil wir sie für uninteressant halten. Diese Entscheidungen sind immer sehr schwierig und etwas willkürlich. Deshalb will ich das abschaffen. Stattdessen stelle ich mir so eine Art Embargo vor: Neue Bilder auf der Plattform, die es nach einem Monat nicht schaffen, ein bestimmtes Interesse zu wecken, werden nicht Teil des Archives und fliegen wieder raus. Wir haben soviel Bilder, die sich niemand anschaut. Also mehr Schwarmintelligenz und Qualitätssicherung für das Archiv.

Zum anderen muss aber weiter moderiert werden, der Fokus muss schon bleiben. Flickr macht das auch so, in deren Guidelines steht: “Wenn Sie zögern würden, Ihre Fotos und Videos einem Kind, Ihrer Mutter oder Onkel Klaus zu zeigen, bedeutet dies, dass Sie diesem Inhalt passende Sicherheitsfilter zuweisen müssen. Wenn Sie dies nicht tun, wird Ihr Account von Flickr Mitarbeitern moderiert und möglicherweise gelöscht.”

Ich möchte keine Tittenbilder und keine Crime Scenes öffentlich sehen. Deshalb schalte ich sowas derzeit oft auf Privat, ich weiss, dass viele davon genervt sind. Künftig kann es einen Zwischenlevel geben, wo nur Mitgliedern bestimmte Bilder sehen.

Auffallend oft sehen wir auch Uploads von Nutzern die sich Fotos auf Facebook, Flickr & Co zusammenklauen und bei euch posten, kann man das zukünftig nicht besser kontrollieren?

Leider nicht. Im Grunde überfordern uns alle Fragen, bei denen wir inhaltliche Entscheidungen treffen müssen. Da Fakten zu sichten ist zu zeitaufwendig, deshalb entscheiden wir, wenn überhaupt, oft aus dem Bauch. Geil sind immer auch Anfragen der Art: »Hey, “Bert” ist ein rassistisches Arschloch, bitte löschen. Euer Ernie« und eine Mail später: »Hey, “Ernie” hat mich ganz krass beleidigt, bitte löschen. Euer Bert«.

Wie groß ist euer Team heute?

Genauso, wie am Anfang, wir betreiben sie Seite zu dritt, unsere ehrenamtlichen Admins helfen.

Und wieviele Besucher sind heute täglich auf Streetfiles.org?

Ich vergess zahlen immer. Quantität hier interessiert mich grad auch immer weniger. Seit ca. einem Jahr stagnieren die Besucherzahlen etwas, auf sehr hohem Niveau. Natürlich gucken wir alle etwas nach dieser Zahl von einer Millionen Fotos, aber unsere Richtung ist auf jeden Fall Qualität, nicht Quantität.

Können die Kosten der Server über Bannerschaltungen und weitere unterstützende Maßnahmen gedeckt werden?

Soweit ja. Aber wir planen die Site bald in die Cloud umzuziehen, leider wird es dann noch knapper.

In einem aktuellen Blogeintrag bei euch auf der Seite kündigt ihr notwendige Maßnahmen an, welche die Seite modernisieren sollen. Noch dieses Jahr könnte die Seite überarbeitet werden, was genau wollt ihr überarbeiten?

Wenn das klappt werden wir wieder alles nochmal neu schreiben, also nochmal bei Null anfangen. Die Daten nehmen wir natürlich mit, aber das System wird anders. Die gesamte Technologie ist veraltet und wir haben den Kopf voller Ideen…

Fraglich ob man das bewährte System so einfach abschaffen und neu aufbauen sollte. Nochmal zurück zur Finanzierung: Ihr ruft in dem Eintrag zu Spenden auf, Crowdfunding um den Relaunch so zu finanzieren oder was ist der Hintergrund?

Die Website ist jetzt 5 Jahre alt. Das Internet entwickelt sich rasant weiter. Allein technisch müssen wir dringend alles neu machen. Die Sicherheit des Systems ist langsam gefährdet. Aller Code und alle Technologien sind veraltet, es bringt nichts da rumzufrickeln. Aber auch inhaltlich haben wir viele Ideen, was wir anders und hoffentlich besser machen können. Ich finde z.B. das wirklich spannende Accounts teilweise viel zu kurz kommen.

Ich möchte also dieses Jahr Streetfiles tatsächlich nochmal komplett neu machen. Leider ist Hausburger unser PHP Mastermind als Entwickler nicht verfügbar, so suchen wir also erstmal einen extrem fähigen Programmierer. Ich würde mich natürlich freuen, wenn der aus unserer Mitte kommen würde. Jobbeschreibung hier: http://developer.streetfiles.org/ Als nächstes muss unser kleines Dev-Team während wir entwickeln essen und Miete zahlen können. Im Crowdfunding Projekt (wahrscheinlich über Kickstarter) werde ich dafür nach Support fragen.

Das ganze Projekt ist noch sehr wacklig, ich schätze die Chancen dafür, dass wir A) einen wirklich guten PHP Entwickler für uns begeistern können und wir ihn B) auch noch bezahlen können auf Fifty/Fifty.

Zumindest möchte ich es jetzt versuchen, denn alternativ sehe ich mittelfristig leider nur die Abschaltung der Plattform. Bevor wir irgendwann von SPAM-bots überrannt werden oder einfach in Bedeutungslosigkeit absacken, ziehe ich lieber den Stecker.

Der “Smoke Test”, also die Stellenausschreibung (mehr hier) und Informationen zu eurer Meinung über die Zukunft von Streetfiles.org ist ja nun schon eine Weile online, wie ist denn das Feedback? Mal abgesehen von den Kommentaren im Blogeintrag.

Wir haben Hoffnung was die Stellenausschreibung angeht, mehr ernstgemeinte Bewerbungen, die wirklich auf die Ausschreibung passen, wären natürlich toll. Die Kommentare fand ich richtig gut, hat mich motiviert, brauchte ich. Im Moment stecken wir aber dummerweise noch in einer internen Diskussion, ich hoffe wir kommen da irgendwie raus.

Das Benutzen von Streetfiles wird kostenlos bleiben?

Ich denke schon. Natürlich ist es auch immer noch unser Traum hauptberuflich Streetfiles zu machen. Wenn wir Geld von den Usern kriegen würden, könnten wir auch auf Werbung verzichten.

Ausserdem wäre dann sichergestellt, dass wir im Auftrag unserer User agieren. Facebook, Google, Twitter und Co stehen im Verdacht nicht im Sinne der User, sondern für Investoren zu handeln. Diesen Konflikt wollen wir vermeiden. Wenn ein Service, dessen Betrieb Geld kostet, dich nichts kostet, dann ist die Gefahr gross, dass du nicht der Konsument, sondern dass Produkt bist, welches verkauft wird.

Aber gegen die “Pro Membership” spricht auch einiges, z.B. dass wir unseren Nutzern ein größtmögliches Maß an Anonymität wahren wollen und das geht nicht, wenn wir Zahlungsdaten entgegennehmen.

Eine einmalige freiwillige Spende ist schon nicht schlecht. Wikipedia ist unser Vorbild.

In unserem Interview (September 2009) hast Du noch gesagt “Streetfiles ist von Writern für Writer. Wir berücksichtigen den Grundaspekt dieser Bewegung: Das Streben nach ‘Fame’, das Ranking von Fotos ist ein entscheidender Reiz, den es nur bei uns gibt.” Sollte euch dann aber die Sicherheit der Writer nicht auch am Herzen liegen bzw ist euch klar wie hilfreich Streetfiles.org heutzutage für strafrechtliche Ermittlungen ist? Viele Streetfiles Nutzer, besonders die jüngeren, machen nachwievor die selben Fehler. Es werden Informationen gepostet, die so nicht unter ein Foto gehören. Seht ihr euch da gar nicht in der Verantwortung?

Ja, ich sollte mal wieder einer meiner Warn-Blogeinträge machen, dieses ewige Warnen macht aber müde. Und am Ende kann man die Leute auch nicht vor Ihrer eigenen Dummheit schützen.

Wir haben die Frage eigentlich gestellt, weil Fotos bei euch auch auf brisante Inhalte (“you are too hardcore”) gecheckt werden. Kommentare jedoch keinerlei Aufsicht unterliegen. Da gibt es einen Widerspruch.

Vielen Dank für das Interview, wir sehen uns spätestens in 5 Jahren wieder, dann hoffentlich immer noch zum Thema Streetfiles.org. Alles Gute und viel Erfolg mit dem bevorstehenden Relaunch.

Interview: notme
Fotos: Streetfiles.org
ilovegraffiti.de auf Streetfiles.org: Streetfiles.org/ilovegraffiti


Posted: 31. Januar 2013