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5 MINUTES WITH: Jens Besser [DRESDEN]

Futura 2000, der emblematische Graffiti Künstler aus New York, heute in seinen Fünfzigern, wird als Pionier des abstrakten Graffiti auf Zügen bezeichnet. Anfang der 70er Jahre ist er es gewesen welcher als erster Künstler einen kompletten Waggon ohne Beschriftung realisiert hat. „Art Inconsequence– Advanced Vandalism”“ und “Action Painting – Bringing Art to the Trains” dokumentierten erstmals eine kleinere Gruppe aus der europäischen Graffitiszene, die sich kompromisslos und anarchisch entwickelte. Ohne Rücksicht auf Meinungen aus der Szene oder Kunstsachverständige konnte etwas entstehen, das für den außenstehenden Betrachter nicht greifbar war und ist. Je weiter Graffiti an den Rand gedrängt wurde, je mehr Graffiti sich selber Regeln auferlegte und sich diesen unterwarf, desto mehr schienen einige Angespornte sich vom normalen Erscheinungsbild eines Graffitis entfernen zu wollen, ohne dabei auf die Freiheiten, die ihnen die Illegalität gibt, verzichten zu müssen. Jens Besser aus Dresden widmet dieser Form des Trainwritings einen großten Teil seiner Zeit. Er ist ein Nerd, ein akribischer Sammler von Dokumenten, Trainspotter, Blogger und Kurator. Nicht alles was uns Jens Besser im Rahmen des 5 MINUTES Drehs erzählt hat ist nachvollziehbar, ebenso sein Motiv. In Besser´s Sammlung finden sich politische Statements auf Zügen, abstrakte Kunst oder Interaktionen. Seit einigen Jahren dokumentiert Jens Besser die “non-​wri­ting ori­en­tier­ten Ar­bei­ten” auf Zügen in seinem Trainworks Blog. Wir wollten darüber mehr wissen und sind ins verschneite Dresden gefahren. 5 Minuten mit Jens Besser


Hallo Jens, stell Dich bitte uns und unseren Lesern kurz vor

In erster Linie bin ich selbst ein Künstler und Kurator, der sich in der Dresdner Friedrichstadt verortet fühlt und dort seit einigen Jahren Projekte realisiert. Unter anderem Citybilder, großformatige Wandbilder im öffentlichen Raum oder „Muralismo Morte“. Seit einiger Zeit widme ich einen Großteil meiner Arbeit dem Non-Writing auf Zügen, zum Beispiel mit der Serie „Urban Script Continues” sowie die Fortsetzung “About The Nightshift”. Mein aktuelles Ausstellungsprojekt nennt sich “Conceptual Vandalism” in der Dresdener Motorenhalle.

Du machst die Fotos für Deine Projekte selbst?

Ja in den meisten Fällen schon. Es gibt aber auch anonyme Einsendungen oder Künstler aus meinem Netzwerk die mir Fotos zur Verfügung stellen.

Wie lange interessierst Du Dich schon für das Thema?

Damals als ich angefangen habe war es natürlich noch sehr einfach besprühte Züge zu fotografieren. Die sind wochenlang gefahren. Man saß in Dresden Mitte auf dem Bahnhof und da fuhren andauernd bunte S- Bahnen rein und raus. Das hat sich total verändert, mittlerweile ist es so, es gibt gewisse Foren wo man lesen kann, wo fährt mal ein besprühter Zug rum und dann setz ich mich ganz schnell in den öffentlichen Nahverkehr und fahre da hin und versuche die Sachen dann zu dokumentieren. Das kann schon auch mal bedeuten, dass man den ganzen Tag auf dem Bahnhof verbringt, nur um einen guten Schuss oder eine gute Videoaufnahme eines Bildes zu bekommen. Also das ist schon nicht mehr nur ein Hobby, dass ist wirklich Arbeit.

Archivierst Du alles was Du fotografierst, und warum?

Also die Fotos, die Dokumente, die sammele ich grundsätzlich um die abzuspeichern und zu sichern. Denn das eigentliche Problem ist, die Werke sind wahnsinnig vergänglich. Sie werden immer zerstört. Die Deutsche Bahn putzt, die fragt nicht nach ist das jetzt eine künstlerische aufwendige Intervention oder nicht. Hat dieses Werk, was dort an dem Zug dran klebt, Wert oder nicht das fragt die Deutsche Bahn nicht nach und genau deshalb dokumentiere ich das. Um später für Forschungsprojekte und Ausstellungen einen Fundus zu haben. Den stelle ich zum Teil online auf meinem Blog.

Grundsätzlich dokumentiere ich die Aktionen dahinter, die Nachrichten. Um sie dann für Außenstehende zu entschlüsseln, zumindest versuche ich es. Ich finde das wichtig.

Du hast auch schon Führungen in Dresden durchgeführt, stimmt das?

Ja das stimmt. Zu diesem Thema habe ich auch schon Führungen durchgeführt auf Bahnhöfen. Ich will Leute dafür sensibilisieren, normale Menschen. Die einfach mal darauf hinweisen: „He zückt euer Handy macht ein Foto, stellt´ s online.“ Nur so ist es möglich, eine umfangreiche Dokumentation sicherzustellen.

Meinst Du?

Ja! Wenn man auf dem Bahnhof ist und da stehen junge Leute und da kommt eine rote S- Bahn in Dresden oder eine beige-weinrote in Berlin rein, mit was Buntem drauf…. da stehen die davor: „Cool bunt!“ was anderes. Also die Abwechslung, die Abwechslung auf dem Bahnhof, nicht nur dieses Corporate Identity der Deutschen Bahn zu sehen sondern auch mal etwas Abwechslung in diesen tristen Transfer Alltag von Bahnhof zu Bahnhof reinzubringen ist doch eigentlich toll und ich glaube viele junge Menschen nehmen das noch total positiv wahr. Später, wenn Sie dann Zeitung gelesen haben, finden Sie es dann ganz schrecklich.

Wie siehst Du die Entwicklung von Graffiti auf Zügen speziell in den letzten Jahren?

Wahnsinn, wenn man sieht was sich in den letzten Jahren entwickelt hat in verschiedenen Buchstabenvariationen. Rezeptionen aus New York sind dabei, diese Anti-Style oder “Rückentwicklungsstyle” mäßig aussehen, da gibt’s wahnsinnige Weiterentwicklungen. Dann gibt’s heute auch diese ganz einfachen oder eben aufwendigen Arbeiten, aber im Grunde genommen ist das natürlich nicht mein Feld. Ich bin keiner der sich mit Stylewriting beschäftigt, ich finde es viel mehr interessant, wie ignorant und doch im selben Moment frei das Ganze stattfindet. Also die Leute die malen einfach wie sie Bock haben, obwohl es immer wieder zerstört wird und die machen trotzdem immer weiter, die machen sich keine Platte. Also gerade die Arbeiten, die ich persönlich interessant finde, die sind echt….da steckt viel Arbeit drin und wahnsinnig viel Reflektion.

Findest Du es ist wichtig das derartige Arbeiten in der Illegalität entstehen?

Nein, finde ich nicht. Wenn es legale Möglichkeiten geben würde dann könnte das gut sein für diese Kunstform. Die Illegalität ist Mittel zum Zweck, momentan noch. Ich könnte mir jedoch durchaus eine Art “rollende Galerie” auf deutschen Zügen vorstellen, ganz legal und mit Kuratorium. Warum nicht, die Abwechslung auf dem Bahnhof bleibt.

Zugegeben konnten wir Dir im Rahmen des 5 MINUTES Drehs nur bedingt folgen. Der Vergleich mit Hunderwassers Manifest beispielsweise hinkt unserer Meinung nach ein wenig. Auch eine Rezeption der Bahnarbeiter auf S-Bahn Graffiti-Panels in Berlin, schwierig nachzuvollziehen.

Also die Bahnarbeiter nehmen diese Werke ja wahr, soviel steht fest. Das Beispiel, einer malt zuerst einen End2End,am Beginn des Zuges steht: „Dieser e to e wird mutwillig zerstört werden“. Das bezieht sich auf den von mir erwähnten S-Bahn Sticker, den die Bahnarbeiter seit einiger Zeit in frisch gemalte Panels hineinkleben. Wahrscheinlich um diese Werke optisch zu verändern und den Sprühern wenig Chancen zu geben ein Foto der Arbeit zu bekommen. Der Spruch des End2Ends gleicht dem Spruch auf dem S-Bahn Sticker. Jemand hat diesen Spruch mal gesprüht um auszutesten: wird denn auch dort dieser Aufkleber angebracht. Er hat also diese Behauptung aufgestellt, dass dort ein Aufkleber draufgeklebt wird. Das ist dann auch passiert, das verrückte ist auch wirklich genau an dieser Stelle.

Also es gibt da schon eine Aktion und eine Reaktion, das Werk hat mit den Bahnarbeitern interagiert.



Jens Besser Website: jensbesser.de
Jens Besser Blog: jensbesser.blogspot.com
Trainworks Blog: - trainworks.blogspot.com
Conceptual Vandalism Ausstellung: anartchy.com


Posted: 15. März 2013