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INTERVIEW – Daor in Japan

Wer sich mit Graffiti in der Slowakei beschäftigt wird den Namen DAOR kennen. Der Graffitiwriter aus Bratislava ist weit über die Grenzen des Landes bekannt und den meisten wohl in positiver Erinnerung. Viele Geschichten, Reisen und Erlebnisse von DAOR und seiner Crew RCL´s wurden in der DVD Trilogie “SHOW MUST GO ON” festgehalten. Eine Story, vielleicht die wichtigste, erzählt uns der Slowake erst heute im Detail, 5 Jahre später. Seine Reise nach Japan mit Senior von den Mutants und Ekin von der GLK Crew über eine unfreiwillige Aufenthaltsverlängerung um ganze 3 Monate.




Daor, auf welche Deiner Reisen kannst Du, rückblickend gut und gern verzichten?

Um es kurz zu machen, Japan.

Warum?

Weil ich im Knast gelandet bin

Wann war das und was ist passiert?

Das war im Herbst 2008. Wir haben gemalt und dann ist es passiert. Aber sie haben uns nicht direkt beim Malen erwischt, sie haben uns zwei Tage bevor wir das Land verlassen und fliegen wollten gefasst.

Wie lange habt ihr euch in Japan aufgehalten?

Knapp 45 Tage also eineinhalb Monate.

Was habt ihr in Japan solange gemacht?

Vollgas gegeben, fast alle U-Bahn Systeme in Japan gemalt – Yokohama, Tokio, Fukooka, Osaka, Kobe, Kyoto, Hiroshima, Nara… Nur drei haben wir nicht geschafft. Und gleich die erste U-Bahn, die wir gemacht haben, ist 2 Tage später mit einem Artikel mit Foto in der Zeitung gelandet – das habe ich mir ausgeschnitten und habs noch zu Hause.

Ja auch das japanische Fernsehen hat berichtet, konnten wir sogar von hier aus Deutschland mitverfolgen damals (ILG September 2008)

Auf jeden Fall, es gab auch noch viele weitere Artikel, ich hatte aber leider nur den einen finden und ausschneiden können.

Aber was ist dann genau passiert?

Wir haben mit zwei Jungs aus Australien dort gemalt, also waren wir zu fünft: die beiden, ich und Senior plus ein Freund von mir aus Budapest – Ekin. Du kannst Dir sicherlich vorstellen wie es dort dann aussah, wir haben es gut krachen lassen. Die zweite U-Bahn, die wir gemacht haben, da mussten wir auf so eine hochgelegene Plattform, so eine Art Hochbahn auf einer Brücke, und wir mussten durch die Regenleitung hochklettern. Wir haben Handschuhe getragen. Meine sind irgendwie aufgerissen, und ich habe anscheinend einen Fingerabdruck oder so auf dieser Regenleitung hinterlassen. Bekannterweise werden Dir, wenn man in Japan einreist, Fingerabdrücke abgenommen und sie machen ein Foto von Dir. So hatten die meine Fingerabdrücke, es wurde aber nichts unternommen. Die waren sich wohl nicht ganz sicher.

Ab dem Zeitpunkt mit dem gerissenen Handschuh haben die Cops über ein Monat Beweise gesammelt. Sie haben gewartet, damit es eindeutiger wird um uns dann festzunehmen. Sie haben alle U-Bahnen fotografiert, wir sind manchmal über ein Feld gegangen und so, dann haben sie unsere Fußabdrücke abgenommen und Gipsabdrücke gemacht, die Schuhgrößen registriert. Bekanntlich haben Japaner auch kleinere Füße wie wir also war das relativ einfach alles nachzuvollziehen.

Am Ende haben Sie die Ergebnisse mit unseren Schuhen verglichen – bei mir haben sie nix gefunden, bei dem Ekin schon.


Aber wie kam es dazu, wie haben die euch aufgespürt?

Naja, wir haben ein paar Tage davor, als wir die ganzen Fotos gesehen haben, noch so Späße gemacht, wie lustig sie sind. Wir haben in Koba gemalt und am nächsten Tag, als wir dann zu dritt im Hotel später am Abend aufgewacht sind, haben wir den Fernseher nur so eingeschaltet und gleich die ersten News gesehen, dass irgendwer die ganze U-Bahn bemalt hat. Die waren völlig aus dem Häuschen. Wir hatten dort Top2Bottoms gemacht, also komplett die ganze Fläche. Ja und bei diesen News haben wir gewitzelt, dass wir auf den Flughafen gehen und sie bestimmt schon auf uns warten werden und uns festnehmen!

Und so kam es dann auch?

Nein, schlimmer. Ironie des Schicksals, solche Witze hätten wir besser weglassen sollen. Wir mussten nicht mal auf den Flughafen gehen, sie sind zu uns ins Hotel gekommen. Etwa 15 Zivilbeamte oder so. Ich war gerade im Hotelaufzug, sie haben mich nach meinen Namen gefragt. Ich habe dann gefragt warum sie das wissen wollen und einer wollte mich gleich an der Hand fassen, ich habe ihn aber zurückgedrängt. Dann haben sie schon ihre Dienstausweise gezückt. Sie haben mir die Handschellen angelegt und gefragt, wo meine Freunde sind.

Die waren grade Bier holen irgendwo in der Nähe in einem Laden. Alle kamen dann so nach und nach wieder ins Hotel und wurden mitgenommen ins Polizeirevier, immer mit dem Satz: „You know why, you know why!“.

Mich haben Sie vom ersten Tag an einbehalten. Die anderen beiden durften wieder ins Hotel. Die haben uns alles weggenommen, Kamera, Kleidung, Schuhe. War auch nicht weiter Schlimm. Wir haben unsere Kleidung stets gewechselt beim Malen und danach weggeschmissen, ausser einer halt. Der immer diesselben Schuhe getragen hat. Also wurde bei uns sonst nichts gefunden, auch die Fussabdrücke haben nicht gepasst. Die Fotos hatten wir auch schon alle weggeschickt und gelöscht gehabt, meiner Freundin hatte ich die Tapes vorher gesendeet. Sie haben also nur diesen einen Fingerabdruck gehabt, Fussabdrücke bei einem und in der Kamera meines Freundes haben sie ein Foto aus der U-Bahn gefunden, es war aber nur ein Bild des Bahnsteiges.

Und was ist aus dem dritten im Bunde geworden, was hat der gemacht?

Senior, gegen den sie keine Beweise hatten, haben sie gefragt, ob er bereit ist, eine Untersuchung mit dem Lügendetektor durchzuführen. Überzeugt von einem Bluff, so wie es die Polizisten in der Slowakei machen, hat er gemeint, er habe kein Problem damit. Es war aber kein Bluff… haben sich aber gedacht, wenn er einverstanden ist, hat er sicher nichts zu verbergen. So haben sie ihn ins Hotel gelassen, allerdings unter Polizeiaufsicht.

Senior ist dann morgens in der Frühe durch den hinteren Ausgang des Hotels geflohen, er hat irgendeine Obdachlosendecke gefunden, die hat er sich über die Schulter geworfen und ist in die U-Bahn gegangen. Die erste U-Bahn genommen, dann einen Zug in den Süden Japans und von dort irgendwie nach Korea durchgeschlagen. Dort hat er sich ein Flugticket nach Hause gekauft, Freunde hatten ihm dafür Geld geschickt.

Und wie gings bei Dir weiter?

Ich war dann drei Monate lang in Haft, aber nicht wirklich im Gefängnis, sondern eher „nur“ auf dem Revier. Es war schon verrückt, wir waren dauernd unterwegs, an den Tatorten, an den Untersuchungen mit dem Lügendetektor, Millionen Vernehmungen.

Der Ermittlungsraum war eine 4,5 Meter lange und 1,8 Meter breite offene Zelle. Durchgehend unter der Aufsicht von Polizisten. Sogar das Klo war aus Plexiglas, also sie haben mir auch beim Scheißen zugeschaut, was ein bisschen unkomfortabel war, aber was solls. Über Nacht ist das Licht immer angeblieben, es gab keine Fenster, keine Ausgänge, kein Bett, wir haben auf dem Boden geschlafen. Wie vor 100 Jahren. Ein guter Weg, um in der Psychiatrie zu landen.



In Japan wird man wird man ja für jeden Blödsinn festgenommen, hast Du in dieser Zeit andere kennengelernt?

Ja auf jeden Fall. Es waren ein paar Menschen dort, die mir erzählt haben, warum sie festgenommen wurden. Einer weil er drei DVD-Träger ­gefladert hat, dafür hat er 21 Tage gesessen. Ein Anderer hat zwei Wochen bekommen, weil er auf der Straße gekifft hat. Und wie ich mir das alles so anhörte, ist mir klar geworden, dass wir einen Schaden in mehreren zehntausenden Euros verursacht haben, und dass ich dort wahrscheinlich noch sehr viele Jahren sitzen werde und wohlmöglich verrotte. Ich habe keine Ahnung gehabt, was mit mir passieren wird. 

Du konntest teilweise filmen während der 3 Monate oder?

es war problematisch, aber ein klein wenig konnte ich filmen..

Hast Du eigentlich einen Anwalt gestellt bekommen?

Ja der kam dann irgendwann, der Anwalt. Er hat noch 7 Monate in Aussicht gestellt, eventuell auch mehr. Dann werden sie mich nach Hause schicken. Kein starker Trost. Als sie mich eingesperrt hatten, habe ich mir gedacht, egal, nach 48 Stunden werden die mich sowieso wieder freilassen müssen, so wie es bei uns in Europa üblich ist. Aber dort wurde ich nach 48 Stunden zu einem Richter geschickt, und der hat mir noch 10 weitere Tage gegeben und meine Psyche geknickt. Ich habe dort 18 Kilos abgenommen. 

Die Polizisten dort verhalten sich aber sehr anständig, nicht wie bei uns in der Slowakei. In Japan sind sie fair, niemand möchte dich anlügen, niemand probiert irgendwelche Tricks. Auch später bei dem Verfahren berücksichtigten sie, ob du bei der Ermittlung geholfen hast oder nicht. Wenn du nicht kooperierst, können sie dich im Rahmen eines Falles sogar 11 Monate lang festhalten.

Zum Schluss gab es eine Verhandlung, mit neuem Anwalt. Der war viel besser, er wollte wohl mit diesem Fall seine Karriere etwas auf die Sprünge helfen. Es war sehr stark medialisiert… eben deswegen. Sonst hätte ich sicher nur irgendeinen Idioten vom Staat zugeteilt bekommen. 

Ja, und so hat sich das gezogen und ich habe dort 3 Monate verbracht. Dann haben sie uns rausgeschmissen. Ich darf 5 Jahre lang nicht nach Japan, der Anwalt hat mir sogar gesagt, dass ich nie wieder kommen soll. Er hat uns aus der Scheiße geholt, aber wir sollen nie wieder hin, dann wäre für uns keine Hilfe mehr da. Wenn mir die Polizisten meine Sachen zurückgaben, haben sie zu mir gesagt, ich soll dem Einen, der geflohen ist, ausrichten, er soll sich nie wieder in Japan blicken lassen. Also wohl kein Urlaub mehr in Japan…

Und wie ging es dann weiter für Dich?

Nun, im Laufe der vielen Jahre haben sie mich nur in der Slowakei mal gefasst, im Ausland gab es arge Fluchten, es gab Schüsse in die Luft, es wurde aus den Lüftungen auf die Straße gesprungen – in Prag zum Beispiel. Wenn du U-Bahn malen willst, musst du den richtigen Eingang finden. Es gibt Kameras, Sensoren, Security. Sehr oft klappt es nicht, aber genauso oft ­klappts eben auch. Und das Glück spielt eine wichtige Rolle. Ab und zu wird der mit dem Du los gehst erwischt, Du selbst aber nicht. Die organisierten Fluchten gehen eh meistens schief, weil Panik ausbricht. Aber in Griechenland oder Spanien zum Beispiel haben wir uns vorher immer ausgemacht, dass wir bleiben wenn die Security kommt. Einheit ist Stärke, und sie können nichts machen. Wie erwähnt, sie haben mich nirgends im Ausland geschnappt, nur eben in Japan, da aber eben richtig. Noch als ich dort war habe ich meiner Freundin versprochen, dass ich nie wieder so etwas machen werde. Ich war echt im Sack, die hatten mich schon teilweise klein gekriegt. Die Japaner können dich psychisch kaputtmachen.

Als ich dann zurückkam habe ich ein halbes Jahr wirklich gar nichts gemalt. Dann habe ich langsam wieder mit Bombings auf den Straßen angefangen,dann wieder Züge, und jetzt auch schon die U-Bahnen, so wie vorher. Als wäre nichts gewesen.

Aber es macht mir eben Spaß. Sehr viele Menschen haben kein Hobby, und sie vergeuden ihr Leben. Dank Graffiti habe ich angefangen zu reisen, super ­Leute kennengelernt, so viel erlebt, das mein Gehirn es nicht schafft, sie alle zu speichern. Wir wollen bald ein Buch herausgeben, die Geschichten von allen irgendwie zusammenstellen und mit Fotos ergänzen.

Es ist schwierig zu erklären warum man damit nicht wirklich aufhören kann oder? Besonders nach derartigen Situationen in Japan

Ja das stimmt. Die Frage, warum ich male, kann ich einfach nicht beantworten, und viele meiner Leute sicherlich auch nicht. Meiner Meinung nach ist es zu einer Art Sucht geworden. Sucht nach Reisen und Adrenalin. Es ist hundertprozentig besser als sein beschissenes komplettes Leben in Bratislava zu verbringen, an den Wochenenden mit Freunden saufen gehen, Drogen nehmen … und im Endeffekt das gleiche Geld ausgeben als ich, aber du gehst nur in die Arbeit, auf einen Drink, und dann nach Hause. Verhurtes Stereotyp! Und dann das ganze Geschwafel, wie mich alle beneiden, wo ich war und was ich alles gesehen habe … Ja, dann geh du auch und rede dich nicht dauernd raus! Und lebe nicht in deiner ­miesen Matrix.



Text: Missy Es / Notme / tschechische Version auf bbarak.cz


Posted: 28. März 2013