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ARTE+7 – Art War: Ägyptens Künstler und die Revolution

Die Revolution in Ägypten hat seit Beginn des arabischen Frühlings Anfang 2011 für viele Unruhen im Land gesorgt. Und sie ist noch nicht vorbei. Der Dokumentarfilm „Art War“ (zu sehen hier in der Mediathek) begleitet junge ägyptische Künstler in der Zeit nach dem arabischen Frühling bis zum Sturz des Präsidenten Mursi und der Muslimbruderschaft. Der Film von Marco Wilms erzählt von der Explosion ihrer Kreativität nach der Diktatur Mubaraks und zeigt, wie sie lernen, Kunst in noch nie gesehener Weise als Waffe im Kampf für ihre unvollendete Revolution einzusetzen. ARTE Creative präsentiert das Making-Of, ein paar ausgewählte Szenen und Texte aus dem Buch „Walls of Freedom – Street Art of the Egyptian Revolution“. Der Künstler El Zeft schreibt über seine Erlebnisse während des Aufstandes.

„Ich bin am 25. Januar 2011 auf die Straße gegangen, ohne die geringste Ahnung von Politik zu haben. Ich wusste nur, dass ich diese Videos gesehen hatte, von Menschen, die auf Polizeistationen gefoltert wurden, und von Polizisten, die alles und jeden niederwalzten, was sich ihnen in den Weg stellte. Ich wollte nur eins: diesen Zustand verändern.Drei Jahre lang habe ich mich bei jedem neuen Opfer in einen „Mixer“ aus Körpern, Schlagstöcken, Tränengas und Gewehrschüssen gestürzt, um für die Rechte der Märtyrer zu kämpfen und mich für ihre Sache einzusetzen. Aber dann wurde wieder jemand Neues getötet und man vergaß den vorherigen ein bisschen und kämpfte für die Rechte des nächsten. Bis man eines Tages zurückblickt und feststellt, dass das Unrecht, das Khaled Said widerfahren war – jenem Blogger, mit dem alles begann –, immer noch nicht wiedergutgemacht war. Und dann gerät man plötzlich ungewollt in Kämpfe, die man gar nicht richtig durchschaut – vom Referendum zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zum nächsten Referendum. Und vor jedem neuen Schritt muss neues Blut vergossen werden. Und die ganze Zeit brüllen diese Leute auf dich ein, dass du in den Himmel kommst, wenn du dieses, und in die Hölle, wenn du jenes tust. Dabei waren wir in Wahrheit alle längst in der Hölle gelandet. In der Hölle auf Erden.

Und dann sind da noch diese widerwärtigen Medien, der größte und gefährlichste Feind der Revolution. Mit ihren Berichten wie von einem anderen Stern über ein vollkommen fremdes Volk. Ich erinnere mich noch gut an die Schlagzeile der Zeitung Al-Ahram am Tag nach Beginn der Revolution: „Das Volk und die Polizei feiern mit Blumen und Schokolade.“ Das war einer der Gründe, warum ich mit den Graffitis anfing. Ich wollte eine Alternative zu den öffentlichen Medien schaffen. Bilder und Botschaften vom und für das Volk.

Und dann sind da noch diese widerwärtigen Medien, der größte und gefährlichste Feind der Revolution. Mit ihren Berichten wie von einem anderen Stern über ein vollkommen fremdes Volk. Ich erinnere mich noch gut an die Schlagzeile der Zeitung Al-Ahram am Tag nach Beginn der Revolution: „Das Volk und die Polizei feiern mit Blumen und Schokolade.“ Das war einer der Gründe, warum ich mit den Graffitis anfing. Ich wollte eine Alternative zu den öffentlichen Medien schaffen. Bilder und Botschaften vom und für das Volk.

Anhänger der religiösen Herrschaft haben gestern in Alexandria Anhänger der Militärherrschaft getötet. Und die Militärs haben religiöse Anhänger in Al-Manassah umgebracht. Davor hat die eine Seite Menschen in El-Manial, Bayn al-Sarayat und vor dem Ittihadiyah-Palast getötet und die andere Seite Menschen vor der Republikanischen Garde, in Ramses und Rabaa. Und nun frage ich euch, die ihr so allwissenden seid und für die die Wahrheit sonnenklar ist: Auf welche Seite soll ich mich eurer Meinung nach schlagen? Oder soll ich mich einfach für die Seite mit den meisten Opfern entscheiden und damit basta? Die Wahrheit ist überhaupt nicht sonnenklar. Überall lauert die Lüge und beide Seiten sind trügerisch.

Sein Mitgefühl für die eine Seite auszudrücken, weil diese unterdrückt wird, heißt nicht automatisch, dass sie selbst nicht auch Verbrecher sind. Im Gegenteil. Erst ihre früheren Verbrechen haben sie in ihre jetzige Lage gebracht.

Etwa drei Jahre, nachdem ich zum ersten Mal auf die Straße gegangen und gegen das Innenministerium protestiert habe, hat sich der Innenminister hingestellt und behauptet, das Ministerium habe keinen einzigen Demonstranten getötet und ohne die Rückkehr der politischen Macht werde es keine Sicherheit geben. Wahrscheinlich habt ihr deshalb auch am 28. Januar 2011 so schnell eure Uniformen ausgezogen und seid davongelaufen, ehe das Volk euch lynchen konnte. Und dieser Tag wird wieder kommen, Herr Minister, denn wenn etwas sicher ist, dann dieses: Dass man für alles, was man tut, eines Tages bezahlen muss.

Ich will damit sagen, dass ich von niemandem ein Plakat durch die Luft schwenken werde, ganz egal von wem. Die Revolution, von der ich träume, jene Revolution, für die ich vom ersten Tag an auf die Straße gegangen bin, diese Revolution schwenkt keine Bilder von Herrschern durch die Luft. Nein: Sie zieht sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft. Mein Mitgefühl für eine Gruppe bedeutet nicht, dass ich mich auf ihre Seite stelle. Weil ich sie amoralisch finde und sie den gleichen repressiven Staat wieder gründen wollen – sei es unter einem religiösen oder militärischen Regime – nämlich jenen Staat, den das Volk abgeschafft und dafür mit dem Leben bezahlt hat. Mein Mitgefühl gilt vor allem jenen, die durch euren Staat – eure beide Staaten – getötet wurden.


Walls of Freedom: „Reclaiming Egyptian Identity“ Mural in Kasr ElNil Street near Tahrir Square. A new collaboration between Ammar Abo Bakr, calligraphy by Sameh Ismail, sculptures by Alaa Abdel-Hamid. Poetry by Ahmed Aboul-Hassan. Photo by Basma Hamdy

„Als sie von oben und von unten her über euch kamen, und als die Augen rollten und die Herzen in die Kehle stiegen und ihr verschiedene Gedanken über Allah hegtet: Damals wurden die Gläubigen geprüft, und sie wurden in heftigem Maße erschüttert.“
(Koran, Sure Al-’Ahzab – Die Verbündeten, 33:10, 33:11)

Glaube an deine Revolution.“

El Zeft schrieb diesen Text im November 2013, einen Tag bevor er ein Jahr Militärdienst ableisten musste. El Zeft ist Street Art Künstler und lebt in Kairo. Sein erstes postrevolutionäres Werk war ein Stencil zum elften Todestag von Mohammed al-Dura. „Ich möchte dem ägyptischen Volk eine Botschaft mitteilen. Vor der Revolution haben mich Banksys Bilder auf der Israelischen Mauer sehr beeindruckt. Ich wollte in Ägypten etwas Ähnliches machen, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Doch nach der Revolution hatte ich das Gefühl, dass ich irgendetwas tun musste, um Menschen zu erreichen. Fast alle Graffitis in Ägypten sind politisch motiviert. Früher hatten wir noch Angst, wenn wir ein Barett und Epauletten sahen, aber mittlerweile sind wir furchtlos geworden… Jetzt können wir endlich sagen, was wir wollen. Eigentlich bin ich gar kein Künstler. Ich bin ein menschliches Wesen, das versucht, andere Menschen auf diese Weise zu erreichen.“

Text aus „Walls of Freedom – Street Art of the Egyptian Revolution“, Verlag: From Here To Fame Publishing.

via Arte Creative


Posted: 8. Mai 2014