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GRAFFITI – Wie die Telekom 100.000 Stromkästen kostenfrei gestalten lassen will

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Anfang August verkündete die Deutsche Telekom im Blog mit „Aus Grau wird Bunt“, Sprayer dürften ab jetzt die grauen Außengehäuse der Verteilerkästen einfach so gestalten. Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien, es war schon überraschend zu sehen, wer das geteilt hat und in welcher Geschwindigkeit.

„Unsere Gehäuse warten darauf, von Ihnen verschönert zu werden“, schreibt der Konzern. Viele haben sich die neue Situation natürlich nicht genau angeschaut und sind einfach losgezogen, um die Kästen zu bemalen – so soll das aber nicht laufen. Die Kontrolle über die Motive will die Telekom natürlich nicht aus der Hand geben. Jeder muss erstmal in einer E-Mail eine Skizze des Entwurfs einsenden und den Standort ihres ausgesuchten Kastens aufschreiben. Dieser Antrag werde dann „hinsichtlich seiner Umsetzbarkeit“ geprüft. Dabei achte die Telekom darauf, dass die Motive „ethisch, politisch und religiös neutral“ seien und keine kommerzielle Werbung enthalten. Die „Freigabe zur Bemalung“ werde dann per E-Mail erteilt.

Zwar betont eine Unternehmenssprecherin, man rufe „nicht mit Nachdruck“ dazu auf, sich an der Aktion zu beteiligen, und die Telekom starte auch keinen Graffiti-Wettbewerb, doch natürlich stecken hinter der kontrollierten Sprühaktion andere Absichten: da wäre zum Einen die Möglichkeit, sich als Telekommunikationsanbieter einer jungen Zielgruppe zu stellen und sich ein junges und kultiges Erscheinungsbild zu erschaffen.

Was nicht verwunderlich ist, weil internationale Konzerne sich seit vielen Jahren mit Graffiti- und Streetart-Kampagnen in Großstädten von traditionell-muffiger Old-School-Werbung unterscheiden und auf alle Fälle auffallen wollen. Cultural Camouflage heißt diese Marketingstrategie: Aus der Subkultur – in diesem Falle der Graffiti-Szene – wird ein Medium strategisch so umgewandelt, dass daraus eine Werbebotschaft entsteht. Und eben nicht als teuer, glänzend und abgehoben daherkommt, sondern real, rotzig, bodenständig und mit dem Wunsch verbunden, dass Werbung nach dem Staub der Straße schmeckt.

Die ersten Reaktionen aus der Graffiti-Szene sind auf jeden Fall sehr verhalten. Bundesweit verfügt die Telekom über mehr als 100.000 solcher Kästen. Bis Ende August 2015, so eine Sprecherin, seien noch nicht einmal 100 Anfragen zu der Aktion eingegangen.

Auch in Berlin kommen so gut wie keine Bewerbungen, wo wir dann beim zweiten Punkt sind. Die Gründe kennt Martin vom Archiv der Jugendkulturen in der Kreuzberger Fidicinstraße (Graffitiarchiv):

„Die Telekom versucht mit ihrer Aktion auf dreiste Art, Kunst im öffentlichen Raum als kostenlose Auftragsarbeit zu vermarkten“

sagt der Politologe, und hat Recht. Vielerorts werden diese Kästen seit Jahren mit Hilfe finanzieller Mittel aus verschiedenen Töpfen gestaltet. So wie hier in Hamburg Billstedt und der BVE oder im Rahmen des Projekts „Kunst am Kasten“ der Initiative Nauwieder Viertel Saarbrücken. Der Graffitikünstler Marten Dalimont gestaltet seit 2 Jahren Stromkästen für die Stadt Duisburg. An die 500 Euro fallen an Kosten pro Stromkasten an, wie die BZ Duisburg schreibt. So lief das bisher, und so erkennt man schnell: Es geht der Telekom sicherlich nicht um die Förderung von Kunst oder Graffiti, und auch geht es nicht um eine künstlerische Freiheit der Sprayer, wenn man nur Entwürfe genehmigt, die gefallen und ins Bild passen (siehe unten), abgesehen davon politische Themen auf gar keinen Fall zulasse.

„Mit diesen Einschränkungen ist die Aktion für viele Graffiti-Sprayer unattraktiv und überhaupt nicht interessant.“

meint Martin vom Graffiti Archiv, er kritisiert zudem, dass etliche Motive auf den Kästen von professionellen Graffiti-Agenturen angefertigt würden. „Das ist keine freie Graffitikunst. Da setzt sich eine massenkompatible Sehgewohnheit durch.“

Jetzt könnte man argumentieren mit „Graffiti ist doch für jeden da.“ und „Wenn sie illegal einen Zug besprühen, kriegen sie dafür auch kein Geld.“, so wie man es in der Berliner Presse zu lesen bekommt. Aber es gibt da schon Unterschiede, auf einem Zug malt man was man will, und auf Entwürfe bzw Vorschläge von jugendlichen Einrichtungen (Workshops mit Kindern und Anfängern auf den Kästen etc) geht der Konzern in den meisten Fällen erst gar nicht ein.

Auf den ersten Blick und ohne zu hinterfragen, klingt die Aktion super, mutig und spannend. Das ABER deckt dann letztlich auf, worum es eigentlich geht: um eine Marketing Kampagne und einen Versuch, das Problem der „beschmierten“ Stromkästen kostenfrei lösen zu können. Fehlt eigentlich nur noch die Deutsche Post, mit einem Aufruf die Briefkästen zu gestalten, aber bitte nur in gelb.

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So und ähnlich stellt sich die Telekom das Ganze vor, bisher wurden derartige Arbeiten beauftragt bzw regulär bezahlt. (Foto: Telekom)


Posted: 6. September 2015