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INTERVIEW – MOSES & TAPS – The Grifters Journal [DEUTSCH] 09/2015

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Das THE GRIFTERS JOURNAL hat heute ein ausführliches Interview mit MOSES & TAPS™ online gestellt, welches wir für euch ins Deutsche übersetzen durften. Befragt wurden die TOPSPRAYER zur letzten Ausstellung “SPLASH ­– Rules of Vandalism” und Hintergründe über das Projekt. Von da führen die Fragen weiter zu einigen weiteren interessanten Themen wie Motive von Graffitisprühern, das INTERNATIONAL TOPSPRAYER™ Buch und wie und warum ein Corporate Design im Graffitibereich entstehen kann. Aktuell arbeiten die Beiden übrigens an mehreren weiteren Ausstellungen (z.B. in den USA, der Schweiz und Deutschland) und einem neuen Buch zum A.L.I.A.S. Projekt.

Warum habt für eure letzte Ausstellung den Titel “SPLASH ­– Rules of Vandalism” gewählt?

SPLASH ist ein Projekt an dem wir seit 2010 arbeiten. Der paradoxe Untertitel „Rules of Vandalism“ beschreibt das, was wir als Statement gegen jegliche Graffiti Regeln anwenden. Wir stellen uns mit den Splashes sozusagen gegen den Stillstand, welchen die Graffitibewegung derzeit erlebt. Unserer Meinung nach sind die Splashes das was man als logisches Ende von Graffiti bezeichnen könnte.

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Was meint ihr mit dem „Ende von Graffiti“?

Naja, was bleibt von Graffiti wenn Du alle Regeln entschärfst, also keine Buchstaben mehr malst, keine Outlines, wenn Du nichts mehr repräsentierst. Wenn Du das was Du machst nicht mehr kontrollieren kannst und willst.


Wie ist das SPLASH Konzept entstanden, wie ist es gestartet?

Als wir in den frühen Neunzigern angefangen haben mit Graffiti, war das eine sehr spannende Erfahrung, mit all den Möglichkeiten sich zu entfalten, mit allen Freiheiten die man dabei hat. Aber wenn man das eine Weile macht, merkt man wie immer mehr Regeln befolgt werden müssen, die dem des öffentlichen Lebens da draussen doch sehr ähneln. Wir haben diese „Rules of Vandalism“ irgendwie automatisch immer mehr akzeptiert: „Du darfst nicht so malen, Du solltest nicht dort malen, es sollte nicht so und so sein“ Wir haben realisiert, das wir unser spießig bürgerliches Leben gegen etwas eingetauscht haben, was nicht wirklich anders ist, wie gefesselte Outlaws.


SPLASH ist also damit entstanden, einen Weg da raus zu finden?

So einfach ist es nicht, es war und ist ein anhaltender Prozess, der sich bereits seit fast 20 Jahren vollzieht. Es sind immer sehr kleine Schritte die wir zurücklegen. Aber alles hat angefangen, als wir das was wir machen mal aus aus einer gewissen Distanz betrachtet haben. Wir haben realisiert, das wir nichts wirklich anders machen als all die Anderen in den letzten 40 Jahren, nur weil wir eben die Regeln befolgten.

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Was genau meint ihr damit, also das alle das Gleiche machen, woran macht ihr das fest?

Du malst einen Namen und gibst dem dann einen bestimmten Look, es sollte immer gut aussehen. Das ist eigentlich das Schlimmste daran. Deswegen fühlt sich Graffiti eben zum Teil so schlecht und falsch an. Man kann nicht wirklich ausbrechen, es ist eben nicht frei. Zumindest nicht, wenn das was man malt den Regeln nach „schön“ aussehen soll. Und dafür müsste man eben erstmal die Kontrolle darüber haben. Aber das ist natürlich nur einer der Gründe warum wir die Splashes machen.


Was sind die weiteren Gründe?

Heutzutage ist ein Hauptmotiv von Graffiti sein Bild zu malen, es zu fotografieren um es dann in einen urbanen Kontext zu stellen. Wir haben tausendfach gezeigt, das wir dieses traditionelle, klassische Graffiti können. Immer wieder das Gleiche zu malen um sich und seine Pieces dann nur 0.00001% weiter zu entwickeln, ist langweilig und unbefriedigend. Mit SPLASH überspringen wir diesen Zustand einfach, also das präzise und formgerechte Bild. Wir konzentrieren uns auf das Malen selbst, die Dokumentation, die Message ist so viel markanter.

Ist es also nur das Malen selbst oder weil es so einfacher ist? Hat euch das Projekt INTERNATIONAL TOPSPRAYER™ (1000 Trains in 1000 Tagen) letztendlich so müde gemacht?

Nein, wir waren schon müde, bevor wir dieses Projekt gestartet haben. Andernfalls hätten wir diesen Schritt mit dem tausendfachen Wechsel unserer Namen nicht gemacht, was ja das Ziel des Projekts war. Aber es war die erste Regel, die wir gebrochen haben. „Du musst Deinen Namen malen“, die wohl wichtigste Graffiti Regel. Man kann also sagen: bei INTERNATIONAL TOPSPRAYER™ ging es darum, die wichtigste Regel zu brechen, nämlich immer wieder seinen Namen zu malen. Bei SPLASH geht es dann eher darum, die Regel zu brechen, etwas darstellen oder verkörpern zu müssen mit einem Graffiti Namen.

Ist SPLASH noch Graffiti?

Unserer Meinung nach ist SPLASH die ultimative Form von Graffiti! Nur eben auf einer anderen Ebene. Unsere blau gelben ThrowUps nebeneinander nehmen sich nichts zu blau gelben Styles, die man nebeneinander malen würde. Oder blau gelbe Splashes. Es mag anders aussehen, aber es ist das Gleiche, nur eben ohne all den Schnick Schnack. Diese Reduktion auf das Wesentliche mit dem einfachen Ziel zu sagen: „Es kann so einfach sein, jeder kann das“, aber warum hat es eben so niemand gemacht im Laufe der letzten 45 Jahre Graffiti, warum sehen 99% von Graffiti gleich aus? Eine gute Idee ist meist auch eine einfache Idee. Alles andere ist Dekoration.

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Ihr habt es ja schon erwähnt, euch ist das Malen selbst, also der Prozess, die Performance sehr wichtig oder? So wie in diesem Video beispielsweise.

Ja, es muss immer auch eine Performance sein! Wenn Du die Spraydose einmal aufgestochen hast, gibt es keinen Weg zurück, keine zweite Chance. Du musst Deinen kompletten Körper einsetzen, dich schnell bewegen, nur so wird es lebendig. Das Ergebnis ist eh nicht beinfluss- oder kontrollierbar, die Unterschiede zu einem regulären Graffiti Piece sind groß. Wenn Du anderen beim Malen zuschaust, wie sie hart an Details arbeiten, um alles perfekt aussehen zu lassen, konzentriert aber irgendwie auch gelangweilt, dann merkt man was dem Ganzen unserer Meinung nach meistens eben fehlt: eine eigene Interpretation, um es wirklich perfekt werden zu lassen. Die meisten Writer schauen nach hinten, was es schon gab, und was es erfolgreich gemacht hat. Wenn Du aber selbst besser werden willst, solltest Du Dich davon befreien und schauen was andere eben noch nicht gemacht haben. Um auch herauszufinden, warum es niemand gemacht hat bisher.

Wie sollte eurer Meinung nach Graffiti in Galerien sein, schön?

Es sollte relevant sein. Schönheit liegt ja immer im Auge des Betrachters. Aber ehrlichgesagt unsere Arbeiten gehören nicht in eine Galerie.

Warum?

Weil das in Galerien und Museum kein Graffiti mehr ist, es passiert ja draussen. Das Interessante an Graffiti ist doch die Vergänglichkeit, die Freiheit die man damit verbindet, das Gegenteil von Besitztum. Niemand kann unser Graffiti besitzen, weil es draussen stattfindet und auch nur dort existiert.

Warum habt ihr SPLASH dann in einer Galerie ausgestellt?

Es ist eine Erweiterung des Prozesses, eine logische Ergänzung zu dem was wir damit machen. Nicht alle Geschichten können auf unserer Plattform und mit unseren Mitteln draussen erzählt werden, und für einige ist die Galerie dann eben ein spannender Schlusspunkt.

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Aber wie passt das zusammen: MOSES & TAPS™, zwei Graffitikünstler die dafür bekannt sind auf Zügen zu malen, zeigen nun Arbeiten in einer Galerie? Was hat euch dazu bewegt, diesen Schritt zu gehen?

Die Frage ist: ist es real und einfach nur dieses Märtyrer Dasein, also in einen Tunnel zu rennen, eine Metro zu malen die dann ausser dem Reinigungspersonal niemand zu Gesicht bekommt? Oder ist es real, eine Leinwand in eine Galerie zu hängen, wo Menschen sind die wirklich interessiert sind an unseren Arbeiten? Manchmal suchen wir uns eben selbst aus, wer das anschaut und hören zu, anstatt taube Menschen anzuschreien.

Ist SPLASH eigentlich jetzt quasi euer letzter Schritt, das finale Graffiti Konzept?

Auf jeden Fall, SPLASH ist das Ende von Graffiti. Danach kommt nichts mehr, aber schon morgen fängt es wieder von vorn an. Es kann als das Minimum und gleichzeitig auch als das Maximum bezeichnet werden.

Könnt ihr das näher erklären?

Die SPLASH Story wurde bereits erklärt. Wir werden das sicherlich weiterentwickeln in Zukunft, aber vielleicht in andere Richtungen. Vielleicht enden wir damit in einer Sackgasse, vielleicht aber führt uns SPLASH in weitere andere Serien, vielleicht entstehen sogar komplett neue Projekte. Es ist eine Evolution ohne irgendwelche Abkürzungen.

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Wie würdet ihr eure Arbeiten bezeichnen oder kategorisieren: Kunst, Graffiti, Vandalismus? Seid ihr Künstler?

Lass es uns vielleicht Expression nennen. Wir sollten uns aber nicht irgendwelche Bezeichnungen geben, nur damit andere besser schlafen können. Es sind nur Wörter, die eigentlich bedeutungslos sind. Jeder sollte für sich selbst darüber nachdenken, wir machen das alles ja nicht um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Die Meinungen aus der Gesellschaft sind uns egal, es wird irgendwann irrelevant, wenn Du Dich frei entfalten willst.

Sollte Graffiti grundsätzlich legal oder illegal sein?

Graffiti muss nicht zwangsweise illegal sein, aber ohne Genehmigung irgendwas anzumalen hindert uns eben auch nicht es zu tun. Wir haben unsere eigenen moralischen Beweggründe und Instanzen entwickelt, und die funktionieren gut, ohne etwas was uns vielleicht einschränken könnte oder uns etwas auferlegt.

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Wie vereint ihr die Arbeiten innerhalb und ausserhalb des Ateliers?

Eine Leinwand und ein Wholecar, natürlich ist das nicht das Gleiche. Aber Du verlierst Deine Glaubwürdigkeit wenn Du sagst: „Wir verkörpern diese eine Sache, sind aber zwei verschiedene und unabhängige Künstler“. Im Atelier passiert eigentlich genau das was wir draussen auch machen. Es wirkt zwar etwas anders, aber da ist immer auch eine Verbindung. Die Message wird immer über das Ganze transportiert..

Wie ist eigentlich die Idee mit der farblichen Corporate Identity entstanden?

Das war ein logischer Schritt. Wenn Du eine Marke entstehen lassen willst, brauchst Du eine Corporate Identity mit allen ethischen Aspekten die eben dazugehören. Für unser Corporate Design haben wir uns wieder auf das Wesentliche reduziert, was bestimmte Farbtöne waren, die wir uns ausgesucht haben. Also das Blaugrün und Gelb, mit Schwarz als Kontrastfarbe, welche für die dunklere Seite unserer Arbeit stehen soll. Auch wenn wir nie entschieden haben, wer welche Farbe nutzt, hat es doch unsere Namen ersetzt. Wozu das führt kann man sehen, wir müssen teilweise nicht mal mehr unseren Namen irgendwo hinschreiben, sondern einfach nur die Farben einsetzen, und jeder erkennt sofort die Verbindung zu uns. Klar verständlich, eine adaptierte Graffiti Regel, in dem Fall ausnahmsweise sehr effektiv. Das war übrigens auch der Grund, warum wir eine Leinwand im Rahmen der Ausstellung so betitelt haben.

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Und wie habt ihr die weiteren Titel der Arbeiten im Rahmen der SPLASH Ausstellung ausgewählt?

Wir haben Vorschläge gesammelt, von aussenstehenden Personen. Also aus der Öffentlichkeit. Über soziale Medien wie Facebook beispielsweise, haben wir aufgrufen die 10 wichtigsten Regeln von Vandalismus und Graffiti mit Interpretationen aufzuzählen. Sehr oft, aber eben auch nicht überraschend für uns, kam die genannte Antwort „Es gibt keine Regeln“. Das Konzept der Ausstellung war ja, jeder Leinwand den Titel einer Regel zuzuordnen. Beispielsweise die Arbeit „Art.2 Improvement“. Du kannst nur über ein Graffiti malen, wenn es auch besser ist, Du darfst ein Silberpiece nur mit einem bunten Piece übermalen. Die Leinwandarbeit ist überzogen mit zahlreichen Layern, jeden Tag ein neues Bild.


Wie fühlt sich das eigentlich an, einem anderen Writer seinen Namen zu geben?

Am Anfang war das schon ein großer Schritt. Es ist als würdest Du alles aufgeben was Du vorher gemacht hast. Wenn Du 15 Jahre Deinen Namen gemalt hast, fühlt sich das an als hätte man irgendwas erschaffen. Aber wie vorher schon erwähnt, betrachtet aus der Distanz fragt man sich dann „Ist das irgendwas wert?“, Du merkst, da ist nichts weiter, ausser die Einschränkung. Mit unserem Projekt hatten wir ein größeres Ziel als einfach nur unsere Freiheit. Wir konnten auch nicht weiter akzeptieren, wie unfair das deutsche Gesetz gegen Graffiti vorgeht und es interpretiert. Wir mussten dagegen etwas tun. Vorher war es für die Richter und Staatsanwälte einfach zu sagen: „Der hat das gemalt und den Namen also auch da und da, egal ob hier oder in Timbuktu“, ein ungeschriebenes Gesetz, auf das die sich da berufen haben. Das ist mittlerweile entkräftet und wird nicht mehr wirklich angewendet.

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Viele Rechtsanwälte nutzen das INTERNATIONAL TOPSPRAYER™ Buch heutzutage als Referenz im Gerichtssaal, argumentieren: „Hier ist ein Buch, es wiegt 2 Kilo, 1000 Graffiti wurden gemalt, von einer ungenannten Anzahl von Graffitisprühern. Als erstes haben MOSES und TAPS untereinander Namen gewechselt, dann haben sie die Namen sogar mit Freunden aus aller Welt getauscht und letztendlich darf sogar jeder diese Namen malen“. Wenn heute also ein Staatsanwalt mit so einer These der Zuordnung von Namen antritt, ist die relativ schnell entkräftet.

So haben die TOPSPRAYER™ quasi die juristische Argumentation in Deutschland verändert, das Projekt beinflusst ja heute direkt Urteilsentscheidungen

Wir sind nicht sicher ob wir das wirklich beeinflussen können und konnten, aber sicherlich hat sich die Gerichtsbarkeit des Arguments dadurch geändert. Ob das nun gut oder schlecht ist, hängt von der Position ab, die man vertritt. Für Ermittler oder Verkehrsunternehmen wird es sicherlich nicht einfacher, wenn so eine Faustregel auf einmal nicht mehr vorgetragen werden kann. Graffiti Regeln wurden ja nie irgendwo aufgeschrieben, aber jetzt gibt es geschriebene Regeln gegen ungeschriebene Regeln.

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Interview: The Grifters Journal
Übersetzung: ilovegraffiti.de
Photos: The Grifters Journal


Posted: 29. September 2015