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STREET ATELIER – ‚One Day in Dismaland‘ – Unterwegs in Banksy´s Bemusement Park [WALK+INTERVIEW]

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Der dänische Autor (Will I Go TO Hell For This), Kurator, Graffitikünstler und Blogger LARS von ILOVEGRAFFITI.DE war für ARTE Creative zusammen mit der Street Art Bloggerin BUTTERFLY (butterflyartnews.com) in Weston Super Mare und hat sich Banksy´s Bemusement Park Dismaland angeschaut. Wer sich also bis heute nichts darunter vorstellen konnte, kann jetzt einen exklusiven Blick in das Gemisch aus Gruppenausstellung und Freizeitpark werfen. Gleich vorab, es ist keine klar definierte Street Art Show, aber natürlich spielen viele Genres mit Bezug eine wesentliche Rolle innerhalb des Projekts. Zahlreiche Installationen, Adbusting und Guerilla Art, Stencil Art, einige Murals (z.B. von Escif und Axel Void), auch Lush ist dabei mit seinem Selfie Hole und Leinwandarbeiten plus vieles mehr.

Die 30minütige Reportage fasst das Projekt hervorragend zusammen, kommentiert von BUTTERFLY, die den Park bereits mehrmals besucht hat. Es gab im Anschluss an den Walk eine lange Liste an Fragen, welche im Dismaland Interview vom Kurator fast alle beantwortet werden konnten.

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ONE DAY IN DISMALAND

Dismaland ist ein Wortspiel, eine Metapher aus der Feder von Banksy. Ein finsterer Vergnügungspark, das genaue Gegenteil zum übertrieben fröhlichen „Disneyland“. Mit „Dismaland“ wollte Banksy eine Parodie auf die Unterhaltungsindustrie kreieren. Zum ersten Mal präsentiert und kuratiert der englische Street Art Künstler mit dem Projekt im September 2015 eine skurille Mischung aus Kunstausstellung und Vergnügungspark gelegen an der westenglischen Küste im Strandort Weston-super-Mare. Einer englischen Kleinstadt mit wenig Charme, die bessere Tage längst hinter sich gelassen hat. Nur noch wenige Touristen verirren sich nach Weston, dort wo einst der Vergügungspark stand, welcher auch Banksy´s als Kind regelmäßig besucht haben soll.

Wir gehen zuerst an den Strand in der Nähe des Dismaland-Eingangs, um uns den vor 15 Jahren stillgelegten Vergnügungspark aus der Ferne anzuschauen. Man kann nur erahnen was sich hinter den dicken Mauern verbirgt, wir sehen Teile eines heruntergekommenes Märchenschlosses, ein wackeliges Riesenrad, und wir hören Hawaiigitarren-Musik aus dem Park, die ab und zu von einer Kinderstimme unterbrochen wird. Wir sind gespannt und haben uns absichtlich im Vorfeld wenig informiert über das Projekt. Wir wissen nur, es ist ein Ort, der mit den klassischen Belustigungen eines Funparks spielen und diese nutzen soll, um politisches Unbehagen zu äußern, ganz im Stil von Banksy, der fast ausschliesslich das bereits Offensichtliche anprangert. Die Leute absichtlich nicht zufriedenstellend machen gehört ebenso zum Konzept wie das Ziel, die Leute mit schlechten Erfahrungen wieder nach Hause zu entlassen. Man soll sich beschissen fühlen in Dismaland.

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Wir moderieren am Strand unsere Reportage mit Lars aus Kopenhagen an. Er selbst ist Journalist, Buchautor, Kurator, Blogger und seit Jahrzehten international aktiv als Graffitikünstler. Lars steht dem Projekt eher skeptisch gegenüber, will aber mit uns und Butterfly, einer Street Art Bloggerin aus London herausfinden, worum es bei Dismaland geht und wie Besucher auf die weitestgehend installativen Arbeiten reagieren. Uns begrüßen zwei nicht enden wollenden Warteschlangen, eine für Ticketbesitzer, eine für die ohne Tickets. Die Wartenden haben sogar schon weit in der Frühe ihre Zelte aufgeschlagen und sichs auf Strandliegen gemütlich gemacht. Die lustlosen und vertrauensunwürdigen Angestellten schreien herum, man solle sich doch zügig Richtung Park bewegen, dann die übereifrigen Sicherheitschecks. Das ist sie nun, die schräge Philosophie des Projekts ist für uns das erste Mal spürbar.

Achja, das Ganze kostet natürlich Eintritt: 4 Pfund.

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Lars will von Butterfly wissen, ob es ein Projekt mit Street Art Bezug ist, woraufhin sie relativ schnell klarstellt: das ist keine Street Art Show, das ist eine Ausstellung mit fast 60 unterschiedlichen Künstlern aus aller Welt, präsentiert in einem noch nie dagewesenen Rahmen. Wir werden uns im Laufe des Tages sicherlich noch einige Fragen dazu stellen, die wir uns alle notieren und natürlich Antworten wollen, die wir auch bekommen, vom Kurator selbst. Aber zuerst machen wir uns ein Bild und tauchen ein in Dismaland.

Angekommen im Inneren des Parks steht das Personal und begrüßt uns mit einem miserabel aufgelegten „Welcome to Dismaland“ , in unserem Blickfeld nach dem Eingangsbereich: ein Brunnenszenario mit Polizei Einsatzwagen und Rutsche, das Riesenrad, ein Pocket Loan Shop für Kids, einige Murals, das Märchenschloss, überall Warteschlagen, very british eben. An jeder Ecke gibt es interaktive Spiele, wie man sie auch vom Rummel um die Ecke kennt. Ähnlich diesen kann man auch hier nichts gewinnen, nur das es in Dismaland zum Konzept gehört und sogar auf gut verteilten Schildern ein striktes Gewinnverbot angeordnet wird. Beispielsweise ein Amboss, der von einem Sockel gestoßen werden soll—mit geworfenen Tischtennisbällen.

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Gestartet wird mit einer Runde Riesenrad, von dem aus Butterfly und Lars einen guten Überblick bekommen, wo es zuerst hingeht. Von dort aus schauen sich die beiden eine interaktive Installation an, die einem funkgesteuerten Modell-Bootsrennen ähnelt, nur eben mit Flüchtlingen an Bord. Die, wenn man mit den Booten kollidiert natürlich von Bord gehen und im Wasser herumtreiben. Die Besucher konnten die Spielzeugboote perfiderweise steuern – wie der Westen die Asylpolitik. Und schon haben wir uns zum ersten Mal beim Interpretieren erwischt, es sollte noch häufiger vorkommen heute. Aber Summa Summarum war das wohl die skurrilste Art und Weise auf etwas hinzuweisen, was längst in den Medien tagtäglich breitgetreten wird. Fast schon schäbig. Die nächste Station ist da weitaus harmloser: da sitzt eine Künstlerin, die wahrscheinlich keine ist, malt Portraits, aber von hinten. Originell geht auch hier anders, denn gezeichnet wird es dann doch nicht, alles nur Deko und zum Schauen. Hinsetzten und sich von hinten malen lassen geht nicht.

Weiter geht´s zum Kinderkarussell, an Bord eine Plastikfigur im Chemikalienschutzanzug, umgeben von Pferdelasagne-Packungen. Ein Anspielung auf den Pferdefleichskandal. Und da ist es wieder, das Anprangern von Dingen, die eigentlich schon durch die Medienschleuder gezogen wurden, aber doch einen Platz in Banksy´s Liste der Dinge findet, die in diesem Park thematisiert werden.

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Danach wollten wir in die zum Park gehörende Ausstellung rein, was uns aber dann verboten wurde. Sicherlich Teil der Idee, aber für uns ein Problem. Denn wir wollten den Park komplett und ohne Einschränkungen mit der Kamera begehen. Nach vielen Diskussionen und einigen Anrufen gibt es nun aber doch einige bewegte Bilder, wie beispielsweise die Installation des wohl derzeit renomiertesten englischen Künstlers Damien Hirst, oder Jimmy Cautys Modell eines Dorfs nach einem Aufstand, mit Miniaturpolizisten, die mitten im Meer auf einem Einsatzwagen festsitzen. Ein sehr gut inszentiertes Modell.

Danach verbringen die Butterfly und Lars einige Zeit vor dem heruntergekommenen Märchenschloss und fragen sich, welche Rolle die verwirrende Arielle Skulptur wohl spielt. Eine weitere Frage die erst im Banksy Interview über Dismaland aufgeklärt werden kann. Um ins Schloss hineinzukommen musste man dann auch wieder sehr lange anstehen, ohne zu wissen was im Inneren eigentlich passiert. Letztendlich gab es genau eine interaktive Installation zu sehen.

Im Schloss befand sich ein Greenscreen, vor dem sich die Besucher fotografieren lassen konnten und in einen Raum gebracht wurden, den nur das Blitzlichtgewitter der Paparazzi aufhellte. Das Motiv: eine Prinzessinnenkutsche und Paparazzos, aus der Kutsche hängt Cinderella, das blonde Haar berührt fast den Boden, mit zwei Cartoon-Vögeln, die ihr das Kleid richten. Anspielen will Banksy mit dieser Installation auf den Tod von Lady Diana. Interpretieren kann man das so, weil ein Rudel Paparazzi mit Motorradhelmen eine Kutsche fotografieren, die nach der wilden Verfolgungsjagd noch auf dem Kopf steht.

Walt Disney, die Flüchtlingsproblematik, der Pferdefleisch-Skandal, die Brutalität der Polizei, Werbung die mit Kindergesichtern seit jeher arbeitet, schlechtes Fernsehen, Umweltproblematiken, Hier arbeitet Banksy alles ab, was es in der heutigen Welt anzuprangern gilt. Nur neu ist das alles nicht, aber einfach, und greifbar. Zustimmende Besucher, jeder fühlt sich mitgenommen und gleichzeitig unterhalten. Und diese Mischung macht den Park dann wieder zu einem genialen Gesamtkunstwerk.

Was uns besonders irritiert hat, sind der Guerilla Workshop für Jedermann, das mit Ölfässern dekorierte Mini Gulf oder auch der Pocket Money Loan Shop, der, wenn man denn genau hinschaut, fast schon wieder überfordert. Andere Dinge wie das Kino haben uns dann eher unterfordert. Mit einem sehr gut abgestimmten Programm von bizarrer visueller Kunst, die wahrscheinlich 90% der Besucher gar nicht verstanden haben. Aber auch das war wohl so gewollt, wann sonst kann man den Funpark Besucher mit so einer Kunst in die Strandliegen fesseln.

Neben einer hervorragend kuratierten Gruppenausstellung ist Dismaland vor allem ein zeitgemäßes Monument für Banksy´s Ansichten und scharfzüngige Gesellschaftskritik, mit einer großen Portion Antikapitalismus und Nonkonformismus. Wer sich von Banksy´s Art und Weise mit dem Finger auf etwas zu zeigen begeistern lässt, wird es bereuen nicht in Dismaland gewesen zu sein.

Wir schliessen den Besuch in Dismaland langsam ab, noch schnell eine Dismalafel auf die Hand, dann verlassen wir den Park durch den Souvenirshop und gehen unsere lange Liste an Fragen durch, die wir nach diesem Tag haben. Die werden am nächsten Tag im nahegelegenen Bristol beantwortet.

ONE DAY IN DISMALAND

Produktion: Red Tower Films, ARTE Creative
Fotos: Butterfly | www.butterflyartnews.com
Links & Interview: www.banksy.co.uk , www.ilovegraffiti.de, www.redtowerfilms.com


Posted: 15. Oktober 2015