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Der Cardillo von Scampia (Deutsch)

Im September 2009 malten Simon Jung und Paul & Hanno Schweizer einen Singvogel über vier Stockwerke eines in Italien als Hochburg des Drogenhandels bekannten Gebäudes in Neapel. Im folgenden schildern die Drei die Situation in Neapels „Problemviertel“ Scampia, wie sie Zugang zum Viertel fanden und Kontakte zur Bevölkerung knüpften und wie es zum Projekt „Cardillo“ kam.

Neapel, Scampia, le vele

Neapel, die Hauptstadt der Provinz Kampanien, kämpft mit den selben Problemen wie weite Teile Süditaliens. Korruption und die Vorherrschaft mafiöser Strukturen prägen Wirtschaft und Politik, die hohe Arbeitslosigkeit plagt die Bevölkerung. Eine Besserung ist nicht in Sicht, staatliche und EU-Subventionen versickern oder werden in irrsinnigen Bauvorhaben vergeudet.

An kaum einem Ort tritt diese vielschichtige Problematik so deutlich zu Tage wie in Scampia. Das Viertel wurde in den 1970er bis 1990er Jahren in der nördlichen Peripherie Neapels gebaut. Heute sind auf den 4 km² Scampias rund 62.000 Einwohner registriert, 50-75 % der Erwerbsfähigen sind ohne Arbeit.
Spätestens seit Erscheinen des Bestsellers „Gomorra“ von Roberto Saviano und Matteo Garrones Verfilmung des Buches ist dieses Viertel Neapels in Italien und auch über die Landesgrenzen hinaus als riesiger Drogenmarkt und Schauplatz zahlreicher Gewaltverbrechen bekannt. Der Mangel an legalen Arbeitsplätzen drängt Heranwachsende und junge Männer dazu, ihr Geld als Aussichtsposten oder Drogenkuriere zu verdienen. Viele von ihnen werden noch vor der Volljährigkeit zu Gefängnisstrafen verurteilt oder erschossen.

Besonders ein Gebäudekomplex im Herzen Scampias wurde über die Jahre zum Symbol für die malavita, die Gewaltkriminalität und den Drogenhandel in Süditalien – die sogenannten vele (Segel, wegen ihrer Dreiecksform). Wer die Möglichkeit dazu hat, zieht von dort weg.

Aufgrund der Vorurteile über Scampia und seiner Stigmatisierung durch die Medien ist den Bewohnern des Viertels der Zugang zu formeller Arbeit, Bildung und sozialen Kontakten mit Bewohnern anderer Viertel fast unmöglich. Unter dem Gefühl von Ausgegrenztheit und Scham leiden die Bewohner der vele besonders stark.

Im Mai 2009 begab sich Paul nach Neapel, um in der Organisation „chi rom e chi no“ mit zu helfen, die in Scampia seit Jahren Jugendarbeit leistet. Er berichtet über seine Erfahrungen: „Was mich in Scampia von Anfang an am meisten faszinierte, waren die Menschen dort, vor allem die Kinder. Es war für mich sehr schockierend zu hören, was viele von ihnen durchgemacht hatten. Ein neunjähriger Junge erzählte mir, dass seine Cousins im Gefängnis, sein Vater und Bruder tot seien, dass ihnen das Blut aus vielen Löchern in Körper und Kopf gelaufen sei. Er meinte, dass das alles nur wegen den Drogen sei. Obwohl diese giftig seien, würden sich die Leute wegen ihnen gegenseitig töten.
Doch trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen sie leben und den schrecklichen Erfahrungen, die manche von ihnen machen mussten, sind sie doch normale Kinder: sie wollen Spaß haben, toben und Fußball spielen. Also spielte ich mit ihnen Fußball und zog mit ihnen durchs Viertel, um mehr über ihren Alltag zu erfahren. So lernten wir uns besser kennen, bis sie mich schließlich mit nach Hause nahmen und mich ihren Verwandten vorstellten. Dadurch kam ich immer mehr Menschen und Orten Scampias näher.
Angelo, ein 14-jähriger Junge zeigte mir die vele: In den oberen Stockwerken sind alle Wohnungen verlassen. Bei vielen fehlen die Treppen, die ein Betreten der Wohnung erst möglich machen würden. Die kommunale Verwaltung lässt diese entfernen, um zu verhindern, dass neue Leute einziehen, denn die vele sollen in ein paar Jahren abgerissen werden. Die Apartments, die man betreten kann, erzählen unzählige Geschichten. Müllberge häufen sich, verstaubtes Spielzeug, umgestoßene Möbel, gebrauchte Spritzen liegen herum. Vereinzelt hängen noch Poster an den Wänden, auf denen die Idole und Heiligen der ehemaligen Bewohner zu sehen sind. In manchen Schränken befinden sich noch Kleidungsstücke, in Küchen findet man kiloweise Pasta und Dosentomaten. Die Menschen, die hier wohnten, scheinen fluchtartig weggezogen zu sein. In vielen Türen und Fenstern sind Einschusslöcher zu sehen. Treppenhäuser sind einfach zugemauert, um der Polizei das Eindringen zu erschweren. Aus undichten Leitungen tropft Wasser bis in die Tiefgarage. Das Tropfen vereint sich zwischen den beiden Flügeln der vela mit den Schreien der Mütter, die ihre Kinder zum Essen rufen zu einer sehr merkwürdigen Geräuschkulisse, die das unbehagliche Gefühl, das man beim Betreten der vele hat, noch verstärkt.
Kein anderer Ort Scampias faszinierte mich so wie die vele. An diesen Gebäuden kann man die Tragik der gesamten Region ablesen. Ich begann, gemeinsam mit den Kindern in den vele zu malen.“

Im August 2009 kam Paul zusammen mit Hanno und Simon zurück nach Neapel. „Zwei Wochen lang malten wir fast täglich in den vele, in Treppenhäusern, leerstehenden Wohnungen und auf Balkonen. Wenn wir mit unseren Farbeimern, Pinseln und Sprühdosen auftauchten, kamen Kinder angerannt und baten uns, auch auf ihrem Stockwerk im Treppenhaus oder auf ihrem Balkon zu malen. Dann beschlossen wir, ein Bild zu malen, dass auch die Leute sehen können, die nicht in den vele leben – etwas für ganz Scampia.“

Der cardillo (Stieglitz, Distelfink) ist ein Vogel, der in der neapolitanischen Kultur eine große Rolle spielt, er kommt in Musik, Literatur und Film vor. Dabei sieht man ihn meistens in einem winzigen Käfig, selten fliegend. Wegen seines schönen Gesangs wird er im Käfig neben Kinderbetten gestellt, um die Kinder in den Schlaf zu singen. Aufgrund der großen Nachfrage wird der geschützte cardillo in der Natur gefangen und auf dem Schwarzmarkt verkauft.

„Wir beschlossen, diesen Vogel großflächig mit Fassadenfarbe und Sprühdosen auf die vela celeste (himmelblaues Segel) zu malen, deren obere Stockwerke fast komplett leerstanden. Die Entscheidung fiel auf die Fassade dieser vela, da sie aus weiter Entfernung von der großen piazza Scampias und vom „Mammut“ aus zu sehen ist, einem Kulturzentrum, das Workshops, Ferienprogramme und Beratung in allen Lebenslagen für die Kinder und Jugendlichen des Viertels bietet.“

„Im Gegensatz zum Bild des cardillo im Käfig, das man in Neapel kennt, ist der Cardillo, den wir auf die vela gemalt haben, frei und fliegt.
Viele unserer italienischen Freunde, denen wir Fotos davon zeigten, hielten es automatisch für eine Collage. Denn es erschien ihnen unmöglich, dass drei Deutsche, die nicht einmal des neapolitanischen Dialekts mächtig sind, an diesem verruchtesten aller Orte Italiens einen Vogel von vier Stockwerken Höhe malen. Aber es war möglich und allein das ist ein Lichtblick für die Bevölkerung Scampias.
Dass wir den Cardillo tatsächlich realisieren konnten, verdanken wir der Unterstützung eines großen Teils der Bewohner der vele. Diese freuten sich darüber, dass wir Farbe an das Gebäude brachten, das die meisten von ihnen am liebsten sofort verlassen würden. Vor allem die Kinder zeigten sehr großes Interesse an unserem Projekt. Oft wurde uns gesagt, dass wir etwas bis vor wenigen Monaten Unvorstellbares realisiert hätten.
Um die Lebenssituation in Scampia zu verbessern, ist es wichtig, bekannt zu machen, dass es nicht nur das Scampia gibt, das Roberto Saviano in seinem Buch „Gomorra“ und Matteo Garrone in der Verfilmung des Buchs richtig aufgezeigt haben, sondern, dass es auch möglich ist, in Scampia Ideen zu verwirklichen, die das Potenzial haben etwas zu verändern. Unsere Erfahrungen haben uns gezeigt, wie dankbar die lokale Bevölkerung positive Impulse aufgreift und wie freundlich man empfangen wird, wenn man so vorurteilsfrei wie möglich auf die Menschen zugeht. Diese Erfahrungen wollen wir weitergeben, denn ein wichtiger Schritt, der eine Verbesserung der Lebensumstände für die Bewohner Scampias erst möglich macht, ist die symbolische Aufwertung ihres Viertels.“


Posted: 16. März 2010  Posted By: Rusl