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FREE OZ


Am 03.Februar 2011 beginnt in Hamburg mal wieder ein Verfahren gegen OZ. Laut Anklage soll er von Januar 2008 bis Juli 2010 in 19 Fällen öffentliche Gegenstände beschädigt haben. Unter anderem soll er im Juli 2010 eine Gehwegplatte mit schwarzen Punkten besprüht haben. (Welt.de) Indymedia äußert sich im Text “FREE OZ’ ART AND ACTIVISM” nach dem Jump

HH: FREE OZ’ ART AND ACTIVISM
(indymedia.org)

Am 3. Februar 2011 beginnt ein Verfahren gegen Hamburgs bekanntesten Graffiti-Künstler. Bereits acht Jahre seines Lebens saß Oz im Gefängnis. Nun droht ihm eine weitere, im schlimmsten Fall mehrjährige Haftstrafe für seine künstlerische Tätigkeit.
Oz wird dabei nicht nur als einzelner Streetart-Aktivist, sondern stellvertretend für Graffiti als kriminalisierte Form urbaner Kunst verfolgt. Die aktuellen Vorwürfe sind meist banal. Vielfach geht es um „Straftaten“ wie die Verschönerung der Rückseite von Verkehrsschildern oder das Anbringen von Aufklebern an Automaten. Kriminalisiert wird Oz ganz offensichtlich nicht für diese Taten, sie erscheinen einfach zu unaufdringlich, sondern für sein Gesamtwerk. Bisher wurde Oz meist ohne kritische Öffentlichkeit kriminalisiert. Dies scheint sich nun zu ändern. Am Dienstag den 1.2.2011 findet eine Info- und Solidaritätsveranstaltung im Gängeviertel zum aktuellen Prozess und der Repression gegen Oz statt. Von Solidaritätsgruppen wird zudem inzwischen aufgerufen den Prozess zu besuchen.

Ein Gespenst geht um in den Städten!

Gemessen am Bekanntheitsgrad dürfte Oz einer der erfolgreichsten Grafiker und Maler aus Hamburg sein. In ganz Europa kennt man seine Smileys und sein Logo, welches in Hamburg allgegenwärtig erscheint. Wo andere Künstler_innen umworben und vereinnahmt werden, die Stadt versucht, deren kreativen Ruhm für den Standort und die Marke Hamburg zu vermarkten, wird im Fall von Oz mit beispielloser Repression reagiert. Der Grund ist einfacher Natur: der Hauptteil seiner Arbeiten entzieht sich einer ökonomischen Verwertung.

In Boulevard-Medien wurde er in den vergangenen Jahren mit dicken Schlagzeilen als „Außenstehender“ und „Bedrohung der Gesellschaft“ diffamiert. Seine Arbeiten werden aus diesem Blickwinkel nicht als Bereicherung für die Menschen dargestellt, sondern als diffuse Gefahr für die Allgemeinheit heraufbeschworen. Das Urbane wird in dieser Deutung jenseits eines historischen Begriffes der Freiheit von Stadtluft zu einer sehr deutschen Form von Schicksalsgemeinschaft, der es sich unterzuordnen gilt. Menschen, die auf ihre Autonomie beharren oder einfach sperrig sind, werden dabei als zu bekämpfende Abweichung betrachtet.
Einerseits offenbart sich darin eine uralte, tiefsitzende bürgerliche Verachtung gegenüber anderen Lebensentwürfen, andererseits fehlen die Voraussetzungen, die Bedeutung kultureller Ausdrucksformen zu verstehen, die sich ökonomischer Sinnhaftigkeit scheinbar verweigern. Doch da die Gesetzmäßigkeiten des Kunstmarktes sich auch in jene Bereiche erstrecken, die versuchen sich ihm entziehen, ist ein Teil der Arbeit von Oz inzwischen durchaus auch in Ausstellungen und Galerien gelandet. Er steht damit in der Tradition von umstrittenen Künstlern wie Gérard Zlotykamien oder Harald Naegelie,

Dass „vergnüglicher Vandalismus“ Kunst darstellen kann, wittert sogar das Flaggschiff hanseatischer Lesekultur, die Zeit. Wird dort doch ein anderer Street-Art Aktivist regelrecht gefeiert: „Mit Banksy wurde der urbane Vandalismus unterhaltsam, wie kein anderer versteht er sich darauf, die ödesten Städte in lustvolle Ausstellungsräume zu verwandeln.“ Analogien sind ein gefährliches Pflaster und obwohl Smileys auf Stopschildern der Ironie von Bansky durchaus entsprechen, soll es nicht darum gehen, die Arbeiten beider zu vergleichen. Doch wer mag, stelle sich vor, Bansky hätte nicht im hippen London, sondern im schillernden Hamburg gelebt. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hätte ihn durch 12 MEK Beamte observieren lassen, vor Gericht erfolglos nach Möglichkeiten gesucht, ihm als „notorischen Sachbeschädiger“ die Schuldfähigkeit abzusprechen und ihn damit als Triebtäter zu klassifizieren und mit Sicherheitsverwahrung zu bedrohen. In den Medien wäre sein Urteil hämisch mit „Graffitis nur noch im Knast“ begrüßt worden und er hätte große Teile seines Lebens in Haft verbracht.

Wir fragen uns, wo liegt das Verbrechen beim Zeichnen eines Smileys auf einen Stromkasten oder eine leere Wand? Wie lässt sich verstehen oder erklären, dass ein Mensch deshalb eine in der Summe mehrjährige Haftstrafe erhält, welche von der Dauer einer juristischen Schwere von Taten wie Mord oder Totschlag gleichkommt? Eine Gesellschaft, die dies bejaht oder zulässt, bewegt sich nicht nur jenseits rechtlicher Minimalstandards, sondern ist in jeder Hinsicht autoritär und inhuman, Sie begegnet der elementarsten aller Freiheiten mit einem der schwersten aller Mittel: Dem Recht auf Sichtbarkeit, Sprache und Selbstdeutung der eigenen Existenz mit langjährigem Freiheitsentzug und dem Gebot des Schweigens.

Der juristische Exorzismus, mit dem die Zeichen Oz ausgetrieben werden sollen, geht einher mit einem zunehmend repressiveren Begriff von Stadt und öffentlichem Raum. Kameraüberwachung, staatliche und privatisierte Kontrolle, Sauberkeit und Ordnung als Messpunkte subjektiver Sicherheit durchdringen den öffentlichen Raum. Parolen, Bilder, Plakate, Demonstrationen oder Straßentheater sind Bestandteile des öffentlichen Lebens.

Das meiste davon wird in den Innenstädten mittlerweile verboten, um einen reibungslosen Konsum zu perfektionieren. Im bürgerlichen Verständnis von Freiheit soll ökonomisch-rational gehandelt werden und Selbstverwirklichung erfolgt durch Arbeit und Warenkonsum. In den surrealen Botschaften von Oz liegt eine subtile Widerstandshandlung gegen Zwänge die mit solchen Normen verbunden sind. Sie sprechen eine verborgene Verweigerungshaltung an, eine innere Abwehr gegen die Aufgabe nonkonformer Individualität durch Selbsteinordnung in städtische Ordnungs- und Kontrollräume. Sie verweigern sich dem Diktat einer Funktionalität und Verwertung im Kapitalimus.

Menschen wie Oz gehören nicht in den Knast, sondern zum Leben in der Stadt. Sie sind wichtig, weil sie sich zeigen und einem Gewaltverhältnis, das uns in Form von nackten Wänden und schreiender Werbewirklichkeit umgibt, nachdenkliche Muster und Formen verleihen. Oz verleiht der Architektur der Stadt dabei eine Würde, die von Goldgräberstimmung und Investorenlandschaften, wachsender Stadt und Sicherheitsbedürfnissen längst vergessen und verdrängt wurde. Er gibt dem Bedürfnis nach Leben eine Sprache, die von den Mauern wiederhallt, kopiert wird und sich weiterverbreitet.

Das „Gespenst“ ist für den französischen Philosophen Jacques Derrida, das einsickerrn eines toten Zeichens in einen lebendigen Diskurs. In „Marx Gespenster“ ist es die Idee der Gerechtigkeit. Es gibt Menschen, die Marx vergessen lassen wollen, aber seine Gespenster werden sie nicht los. Sie „transformieren“ sich, niemand kann sagen, wann und wo sie auftauchen, doch sie kommen immer wieder. Auch die Symbolwelten von Oz trotzen der repressiven Wirklichkeit und vervielfältigen sich. Sie beschwören Unsicherheit in den Augen von Ordnungsfanatiker_innen und eine Kulisse des Begehrens für andere.

Sie erzählen nichts über die Urheberschaft oder eine Handlung von Oz, sondern davon, dass die Stadt kein toter Ort von Sachzwängen ist. Der Schriftzug Oz, die Smileys und Kringel sind künstlerischer Protest für Urbanität als Begriff von Freiheit gegenüber dem vermeintlich Notwendigen. Es gibt über 100 000 Oz Graffitis, sie sind in anderen Städten in Europa aufgetaucht und entstanden auch während seiner Haftzeit. Es ist nicht die Person, die jetzt verurteilt werden soll, sondern der Versuch, Gespenster zu vertreiben, die Aufbegehren gegen die scheinbare Alternativlosigkeit einer bestehenden Ordnung und Weltsicht. Eine Weltsicht, welche die Ökonomie zu einem Fetisch, Sinn und Zweck erklärt, dem sich das Politische, die Kunst und das Leben in der Stadt unterzuordnen haben. Darin besteht die Subversivität der Smileys, das entgrenzte Strafbedürfnis, die Hysterie gegen die sich gespensterhaft verbreitenden Zeichen und den Menschen Oz.

Wir fordern Freiheit für Oz und die Einstellung seines Verfahrens, weil jeder andere Zustand staatliche Gewalt als Modell und Kitt des gesellschaftlichen Zusammenlebens befördert und den Verlust von individueller Freiheit zugunsten der Zwänge einer ökonomischen Schicksalsgemeinschaft bedeutet. Wer Oz aus dem Bild der Stadt vertreiben will, will nicht ihm alleine die Sprache rauben, sondern allen, die versuchen, sich neu zu erfinden und sich jenseits bestehender Normen ausdrücken wollen.

Foto: Streetfiles