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5POINTZ Urteil in New York bestätigt – 21 Graffitiwriter erhalten 5,5 Millionen Euro

Sehr viele von euch kannten das gelbe Gebäude in Queens: 5POINTZ, Pilgerstätte für Graffiti Writer aus der ganzen Welt und fast jeder der mal in New York war, hat sich das Gelände angeschaut oder dort sogar gemalt. Als vor 7 Jahren bekannt wurde, dass New Yorks und vielleicht sogar die größte Hall of Fame der USA abgerissen werden soll, gab es Protestwellen, die man so noch nicht erlebt hat. Vereine und Graffitiwriter stellten sich gegen Wolkoff, Besitzer des Areals. Gegen den Abriss des Komplexes und die Pläne an gleicher Stelle Hochhausluxuswohnungen bauen zu lassen.

Der Versuch, Spenden für den Kauf zu sammeln, scheiterte. Selbst BANKSY sprach sich für die Rettung aus. Doch Wolkoff ließ alle Graffiti ohne Vorwarnung über Nacht mit weißer Farbe überstreichen. Im Umfeld der Baustelle im Bezirk Long Island City in Queens erinnert heute nichts mehr an das Graffitimekka von damals.

Dagegen hat der Kurator des Areals zusammen mit zahlreichen Graffitikünstlern geklagt – und nach vielen Jahren nun gewonnen. Ein unglaubliches und vielleicht wegweisendes Gerichtsurteil. Danach werden 21 Künstlern die höchstmögliche Summe von 6,7 Millionen Dollar (5,5 Mio. Euro) Schadensersatz zugesprochen. 150.000 Dollar gehen an jeden der 21 beteiligten Graffitiwriter. Wen es interessiert, man kann das Urteil teils hier als PDF einsehen und die gesprühten Bilder um die es ging. Das Ganze liest sich erstmal gut, dürfte auch in künftigen Graffitiprozessen als Wegweiser dienen. Zumindest in den USA. Man könnte das so interpretieren: Graffiti wird nun endlich als Kunst anerkannt, auch auf fremdem Eigentum. Aber so einfach ist das nicht.

Kurz erklärt: Auf der einen Seite stand Jerry Wolkoff, Eigentümer der Immobilie im Stadtteil Queens. Auf der anderen stand Jonathan Cohen, MERES, der Kurator und derjenige welcher die klagende Künstlergruppe anführte. Im Kern ging es um die Frage, ob Wolkoff den Komplex weiß übermalen lassen durfte oder ob die Pieces trotz ihrer Vergänglichkeit als Kunst gelten und deshalb hätten geschützt werden müssen.

Block schloss sich der Entscheidung einer Jury vom November 2018 nun an: Wolkoff habe die Arbeiten im November 2013 „willentlich“ zerstört und für sein „widerspenstiges Verhalten“ auch keine Reue gezeigt, schrieb er in seinem Urteil, welches erst vor einigen Tagen bestätigt und nun vollzogen wird.

„Das Urteil ist ein klares Anzeichen dafür, dass Graffiti in dieselbe Kategorie gehören wie andere bildende Kunst.“ Die Künstler hätten „ihr Leben damit verbracht“, ihre Technik zu perfektionieren.

So richtig fair fühlt sich aber das Urteil nicht an. Wolkoff hatte mit MERES und den Graffitikünstlern über viele Jahre ein gutes Verhältnis und hat ihnen freie Hand gelassen. Seine einzige Regel: keine Religion, keine Politik, kein Sex. MERES wurde zum unbezahlten Kurator, richtete dort Battles und Events aus, während sich auch Anfänger an weniger sichtbaren Stellen versuchen konnten, die regelmäßig übermalt wurden.

Die Millionenentschädigung markiert den ersten Fall, in dem Graffitikünstler nach dem sogenannten Visual Artists Rights Act (VARA) von 1990 verhandelt wurden. „Ihnen ging es nie ums Geld“, sagt Anwalt Eric Baum über die Motivation der klagenden Gruppe. Nach einem langen Rechtsstreit sei jetzt aber klar, dass Graffiti ähnlichen Rechtsschutz genießt wie andere bildende Kunst.

„Schlampig“ und „halbherzig“ sei 5POINTZ übermalt worden, die bunte Kunst blieb unter den „dünnen Schichten billiger, weißer Farbe“ leicht sichtbar, schrieb Block – und das zehn Monate bis zum Abriss im Jahr 2014. Mit einer Vorwarnung hätten die Künstler wenigstens Abschied nehmen können. „Es wäre eine wunderbare Hommage für die Künstler gewesen, die sie redlich verdient hätten.“

Den 21 Graffitiwritern inklusive MERES kann man nur gratulieren, ob das dem allgemeinen Klima in der Gesellschaft, der Freigabe von Wandflächen für Graffiti gut bekommt, steht auf einem anderen Blatt. Warum sollte ich jetzt als Wandbesitzer noch meine Flächen freigeben, wenn dicke Klagen drohen, falls ich mir es irgendwann mal anders überlege?

Wir sind sehr gespannt, wie sich das in den USA entwickelt und ob sich VARA auch hier in Deutschland bzw Europa in der extremen Form durchsetzen könnte.

Fakt ist aber auch, mit 5POINTZ ist einer der einzigartigsten Graffiti Hotspots der Welt abgerissen worden. Wirklich sehr schade.

Fotos: 5Pointz in January 2013. Photo courtesy of Ezmosis via Wikimedia Commons, ILG

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